Estange

29. Juli 2008, 17:08

Mit spanischer Zunge

Für den Fall, dass die p.t. Leser noch nach einer Ferienlektüre suchen: "Gegen den Tag" von Thomas Pynchon ist mit seinen 1600 Seiten zwar ein anspruchsvoller Ziegel, und es erschließt sich dem Leser auch nicht so ohne Weiteres, worum es in diesem Roman überhaupt geht. Aber er liest sich blendend und enthält eine Menge hinreißender Geschichten: Von Anarchisten in Colorado, die Ende des 19. Jahrhunderts alles in die Luft sprengen, was nicht niet- und nagelfest ist; von zwei einander erbittert bekämpfenden Mathematikerfraktionen; von einem Luftschiff namens Inconvenience, das, mit mehreren alterlosen Knaben besetzt, rund um den Erdball fliegt, sowie von einem Herren, der sich für einen Krapfen hält ("Ich bin ein Berliner") und von seinem Psychiater, Dr. Dingkopf, zur Therapie mit Staubzucker bestreut und ins Regal einer Bäckerei gelegt wird.

Auf Seite 579 von "Gegen den Tag" stichelt ein Herr namens Ewball in New Mexico gegen einen gewissen El Ñato und hält ihm vor, er sei Anarchist und pflege bei jeder sich bietenden Gelegenheit etwas in die Luft zu jagen. El Ñato hört das nicht gerne und protestiert: "'Wir jagen kein gar nix in Luft. Keiner hier weiß kein gar nix über keine Espreng-estoff! Stehlen bisschen vielleicht Dynamit aus Bergwerk, werfen Estange hier, Estange da, aber jetzt das ist alles anders".

In diesem Zitat fällt sogleich auf, dass Pynchon bzw. sein Übersetzer durch die leicht entgleiste Syntax bzw. durch die Verwendung der Wörter "Espreng-estoff" und "Estange" zum Ausdruck bringen, dass wir es bei El Ñato nicht mit einem englischen (bzw. deutschen) Muttersprachler zu tun haben, sondern mit einem Herren spanischer Zunge. Offenkundig pflegen manche Spanischsprachige einem anlautenden Sp- oder St- ein E- voranzustellen, weil das für sie leichter auszusprechen ist: Estange, Estaub, Estartkapital, Estars and Estripes, Estiftzahn, Estiegengeländer und so fort. Dieser typisch spanischen Gepflogenheit steht zum Beispiel der Hang der Chinesen gegenüber, ein "r" durch ein "l" zu ersetzen, weshalb diese auch nicht "Espreng-estoff" sagen würden, sondern vielmehr "Splengstoff". Möglicherweise fallen den p.t. Lesern ja noch andere Beispiele für fremde Akzente und fremde Artikulationseigenheiten ein, über die sie die Allgemeinheit in Kenntnis setzen wollen.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

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