Mörbischisierung

Charakteristische Orte

Veronica Kaup-Hasler, Intendantin des Steirischen Herbstes, hat in einem Presse-Interview von einer "zunehmenden 'Mörbischisierung'" unserer Sitten gesprochen: "Knackige Stammtischsprüche werden wegen ihres Unterhaltungswertes auch medial eher vermittelt, sodass Politiker, die dieses Instrumentarium bedienen auch am erfolgreichsten in den Medien erscheinen. Es ist eben die Frage, was medial 'gehighlightet' wird. Diesbezüglich gibt es eine zunehmende 'Mörbischisierung': In unserer Seitenblicke-Kultur wird der gesellschaftliche Blick oft nur auf einen ganz bestimmten, sich als Kultur-affin sehenden Zirkel gerichtet."

Sprachlich betrachtet handelt es sich bei dem interessanten Ausdruck Mörbischisierung um eine Hauptwortbildung zum Verbum "mörbischisieren", was seinerseits soviel bedeutet wie "einer Sache den Charakter von Mörbisch geben" (wobei bei Frau Kaup-Hasler wohl eher gemeint ist: "einer Sache den Charakter der Seefestspiele von Mörbisch geben").
Bekannte Wörter vom Mörbischisierungs-Typus sind "Finnlandisierung" und "Balkanisierung", aber es ließen sich natürlich auch andere bilden, wie etwa "Innsbruckisierung", "Klagenfurtisierung" und so fort.

Aus Gründen des lautlichen Wohlklangs würde man in manchen Fällen wohl eher die Vorsilbe "Ver-" in Kombination mit "-ung" bevorzugen, um denselben Effekt zu erzielen: "Verbregenzerung" oder "Vergrazerung" erscheint plausibler und ist besser auszusprechen als die sperrigen "Bregenzisierung" oder "Grazisierung". Im übrigens gibt es kaum einen Ort auf Gottes Erdboden, der sich nicht zur Verwandlung in ein Verb eignen würde: Parisern, berlinern, verkopenhagen, verbudapestern usw. usf.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

Mehr zum Thema Winders Wörterbuch zur Gegenwart