, Christoph Winder

Überflugsamerikaner

Die Gscherten der USA

Der Economist (18. 9. 2008) berichtet, dass der Geist von Richard Nixon immer noch in der amerikanischen Politik umgehe. Eine Spezialität Nixons, so schreibt das Blatt, sei es gewesen, das Ressentiment der gottesfürchtigen Durchschnittsamis aus dem Mittleren Westen gegen die urbanen, intellektuellen Eliten anzuheizen, welche den Provinzlern mit kalter Verachtung begegnen: "Nixons ursprüngliche Einsicht ist heute so wahr wie in den späten 1960ern: Viele aufgeschlossene Amerikaner schauen tatsächlich auf die ,flyover Americans' herunter wie auf zahnstummelige Schwachköpfe, und, aus irgendeinem seltsamen Grund, werden sie von den ,flyover Americans' dafür auch gehasst".

In dieser Passage klingt das alte Motiv von der wechselseitigen Animosität zwischen Metropolen- und Provinzbewohnern an, die keineswegs nur eine amerikanische Spezialität ist. Besonders hübsch und besonders gallig ist die Bezeichnung ,flyover American', weil sie zum Ausdruck bringt, dass das Überfliegen für die gewitzten Küstenbewohner Kaliforniens oder Neuenglands die einzige Art und Weise ist, auf die sie mit den Provinzlern im Mittleren Westen in Kontakt treten wollen. Einer der bösesten Songs, die zu diesem Thema je geschrieben wurden, ist "The big Country" von den Talking Heads, wo Sänger David Byrne aus dem Flugzeugfenster auf das amerikanische Landesinnere blickt und sich seine ganze Verachtung über dieses Schauspiel von der Seele singt: "Ich würde da unten nicht einmal wohnen wollen, wenn ich dafür bezahlt bekäme".

Eine Frage, die sich an die "flyover Americans" knüpft, ist die ihrer Übersetzbarkeit ins Deutsche: "Überflugsamerikaner" klingt nett, ist aber doppeldeutig (sind das Amerikaner, die überflogen werden, oder Amerikaner, die überfliegen?). Aber vielleicht haben die p.t. Leser ja einen besseren Vorschlag - und wenn wie schon dabei sind, bitte ich auch darum, Wörter zu spenden, mit denen Provinzler und Metropolenbewohner einander in Österreich despektierlich traktieren (Typus: "Gscherte", "Großkopferte", "Bauerntrampel", "Überflugsösterreicher" usf.)

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

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