Antauchen

2. Dezember 2008, 12:43

Ein brünstiges Verbum

Ehe es nun Weihnachten wird - und Weihnachen ist eine Zeit, in der Winders Wörterbuch um keinen Preis potenziellen Schweinigeleien Vorschub leisten möchte -, stelle ich heute noch schnell einmal das Wort "antauchen" zur Debatte. Mit "antauchen" ist im österreichischen Deutsch nicht nur "anschieben" gemeint - im Sinne etwa von " Das Auto springt nicht an, hilf mir, es anzutauchen" -, sondern das Wort ist auch als ein recht rüdes, und, wie ich glaube, in letzter Zeit häufiger zu vernehmendes Synonym für die Kopulation in Gebrauch - dann etwa im Sinne von "begatten", "beschälen" usf.

Das "Antauchen" ist gut als metaphorischer Ausdruck für den Geschlechtsverkehr geeignet, weil manche Bewegungselemente beim Anschieben eines Autos oder sonstiger Gegenstände in der Tat partielle Ähnlichkeit mit Bewegungen bei einem Coitus simplex zwischen Mann und Frau aufweisen können, von dem ich hier der Einfachheit halber einmal ausgehe.

In politisch korrekten Kreisen würde man der Verwendung von "antauchen" allerdings wahrscheinlich mit Skepsis begegen, weil es die virile Komponente des Geschehens doch einigermaßen deutlich betont. Das schlägt sich auch grammatikalisch nieder: Das "Antauchen" regiert (jawohl: regiert) ein (üblicherweises feminines) Akkusativobjekt, und typische Antauch-Sätze würden etwa so lauten: "Der Egon hat die Gabi angetaucht", "die Renate würd' ich gern einmal antauchen" etc. Einen Satz, in dem anstatt eines Antauchenden eine Antauchende in der Rolle des Subjektes aufträte ("Die Dani hat den Karl angetaucht"), würde ein österreichischer Native Speaker vermutlich für sonderbar, wenn nicht gar für fehlerhaft halten.

In seiner dezidiert männlichen Sichtweise der Welt korrespondiert antauchen mit Wörtern wie "schustern", "pudern" oder - sozial noch eine Etage tiefer - "nageln" oder "biagn", die, wohl nicht von ungefähr, ebenfalls den Akkusativ regieren. Wer auf Nummer Sicher gehen und mehr das gleichberechtigte Miteinander der Kopulationspartner akzentuieren möchte, wird also auf antauchen eher verzichten und stattdessen Formulierungen wie "miteinander schlafen" oder "Liebe machen" den Vorzug geben, wo die bockartige Brunst des Antauchens durch eine milde sprachliche Fadesse neutralisiert erscheint.

Aber womöglich taucht ja auch bei den p.t. Leserinnen und Leser noch die eine oder andere Assoziation zum Thema Antauchen auf.

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
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