, Christoph Winder

Aufreger

Ein aufdringliches Medienparadoxon

Wenn mich etwas aufregt, dann ist es der hysterisch-inflationäre Gebrauch des Wortes Aufreger in den Medien. Dies deshalb, weil ich gerne selbst entscheide, was mich aufregt und mir ungern vorschreiben lasse, worüber ich mich aufregen sollte. Mir ist es zum Beispiel recht gleichgültig, wenn Frau Eva Hermann postuliert, dass die "Frauen aus Männern Weicheier" machen, aber wenn mir Österreich (die Zeitung, nicht das Land) weismachen will, bei einer bombastischen Unerheblichkeit wie dieser handle es sich um einen Aufreger, dann regt mich das wirklich auf. Ich nenne dies das klassische Aufreger-Paradoxon: Dass mir ein monumentaler Nicht-Aufreger von einem Medium so aufdringlich als Aufreger präsentiert wird, führt dazu, dass ich mich wahrhaftig darüber aufrege.

Ebenfalls aufregend finde ich, dass die Aufreger immer häufiger nicht mehr nur als pure Aufreger daherkommen, sondern in grausig zusammengekleisterten Aufreger-Kombinationen wie Show-Aufreger, Dress-Aufreger, Ötzi-Aufreger, Society-Aufreger, Szene-Aufreger und so fort. Ein öderer Jargon ließe sich nur schwer ersinnen. Die einzig richtige Reaktion: Das Medium, in dem solche Aufreger gehäuft vorkommen, auf der Stelle zuklappen und sich schnellstens wieder abregen.

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

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