, Christoph Winder

Owagschneit

Ein moralischer Wetterbericht

Wenn dann und wann behauptet wird, es habe "weit owagschneit" (weit heruntergeschneit), dann kann es sich um eine meteorologische Tatsachenfeststellung handeln, dies muss aber nicht zwingend der Fall sein. Vielmehr kann diese Formel auch ausdrücken, dass irgendjemand in irgendeiner Hinsicht die gebotenen Standards der Moral, der Schicklichkeit oder der Vernunft dramatisch unterschreitet.

Zwei Beispiele: Wenn Frau Y. Vater, Mutter und Oma bestiehlt, um ihren Kokainkonsum zu finanzieren, dann kann man getrost von einem Schneefall bis in tiefe Lagen ausgehen.

Wenn Herr X., der dem Alkohol immer schon gerne zugesprochen hat, plötzlich anfängt, im Notfall auch schon einmal ein Fläschchen Pitralon zu leeren, dann wird man ebenfalls konstatieren dürfen, dass es bei Herrn X. weit owagschneit hat.

Weil solche unerfreulichen Verhaltensweisen das ganze Jahr über zu beobachten sind, lässt sich die Behauptung, es habe weit owagschneit, nicht nur zur Winterszeit, sondern auch im Juli oder im August treffen. Andere Sprachformeln aus der Owagschneit-Kategorie sind: "Da bläst ihm ein scharfer Wind entgegen", "Er lässt Euch im Regen stehen" etc.

Möglicherweise haben ja auch die p.t. Leser die eine oder andere meteorologische Metapher im Köcher oder können uns verraten, bei welcher Gelegenheit sie denn zuletzt den Eindruck gewonnen haben: Bei dem (oder der) hat es ordentlich owagschneit.

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

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