, Christoph Winder

Es brennt

Eine Frage der Etikette

Der Umstand, dass man Sachverhalte in unterschiedlichsten stilistischen Registern, von "sehr gehoben" bis "ganz tief", ausdrücken kann, erfüllt ihren Chronisten immer wieder mit kindlicher Freude und Ehrfurcht vor dem Reichtum der Sprache. Ein Beispiel: Ein Sprecher will darauf hinweisen, dass in einer bestimmten Situation dringlich agiert werden müsse. "Eile tut Not" oder "Hier muss etwas geschehen" wären neutrale Wendungen, mit denen man wohl unter den meisten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auf der sicheren Seite ist. Die bildliche Wendung "Jetzt brennt der Hut" ist salopper, wenn auch sehr treffend, denn ein brennender Hut signalisiert immer Handlungsbedarf, besonders, wenn man ihn auf dem Kopf trägt.

Stilistisch deutlich tiefer ist der Ausdruck "Jetzt brennt aber die Hütte". Die Formulierung "Jetzt brennt aber das Scheißhaus", welche ich unlängst in geselliger Runde zum ersten Mal gehört habe, zeichnet sich hingegen durch eine ausgeprägte soziale Nonchalance aus.

Dass man sie bei formellen Anlässen besser nicht verwendet, zeigt folgendes Gedankenspiel: Stellen wir uns die Neujahransprache vor, der Bundespräsident hat im festlich geschmückten Studio vor der Österreichfahne Platz genommen, blickt der Nation ernst ins Auge und beginnt seine Rede mit den Worten: "Liebe Österreicherinnen und Österreicher! Jetzt brennt aber das Scheißhaus. In diesem Jahr müssen wir alle den Gürtel enger schnallen". Diese Wortwahl würde mit einiger Wahrscheinlichkeit als unpassend empfunden und womöglich sogar öffentliche Kritik provozieren. Zum Glück ist unser Bundespräsident so stilsicher, dass die Gefahr eines solchen Missgriffs als eher gering einzuschätzen ist.

Möglicherweise haben ja auch die p.t. Leser die eine oder andere Überlegung zur sprachlichen Etikette in petto und wollen uns diese anhand ausgewählter Beispiele zur Kenntnis bringen.

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

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