Warum die Schulpolitik nicht richtig tickt

12. März 2009, 18:50
Eine Erhöhung der Unterrichtszeit ist kontraproduktiv - Plädoyer für ein neues Zeitmanagement an Österreichs Schulen - Von Roland Fischer

Eine persönliche Bemerkung vorab: Meine Zeit als BHS-Lehrer liegt schon lange zurück und dauerte auch nur kurz - nicht ganz zwei Jahre. Ich unterrichtete damals circa ein halbes Jahr wesentlich mehr als 20 Stunden pro Woche, und das war nicht gut. Vorbereitung, Nachbereitung gab es kaum, und ich hätte es auch physisch auf längere Zeit nicht durchgehalten. Das Einkommen allerdings war gut ...
Mittlerweile seit vielen Jahren auf wissenschaftlicher Basis mit Fragen der Lehrerbildung befasst, verfolge ich di aktuelle Debatte um die Lehrerarbeitszeit in mehrfacher Hinsicht mit Sorge:

1. Bei der Bewertung von Unterrichtszeit genügt es nicht, Vor- und Nachbereitung ins Kalkül zu ziehen. Unterrichten heißt, im Zentrum der Aufmerksamkeit von 20 bis 30 Menschen zu stehen, mit der entsprechenden eigenen Aufmerksamkeit, Anspannung, Verantwortung. Das ist mit einer "Schreibtischzeit" oder der dem Erfahrungsaustausch mit Kollegen und Kollegen gewidmeten "Kommunikationszeit" nicht vergleichbar. Letzteres ist 40 Stunden pro Woche möglich, Ersteres nicht.

2. Die Lehrer/innen vertreten ihre Sache schlecht. Sie sind hauptsächlich beleidigt - was verständlich ist, aber kein Programm sein darf - und argumentieren lediglich aus einer Position des Partikular-Interesses. Das ist zu wenig, weil man damit Menschen, die dieses Interesse nicht unmittelbar teilen, nicht gewinnen kann. Und es ist erst recht nicht ausreichend, wenn man den Anspruch stellt, dass Lehrer/innen an einer Weiterentwicklung des Bildungssystems interessiert sein sollten.

3. Diese Performance der Lehrer/innen in der aktuellen Diskussion - und man soll nicht sagen, das sind nur die Lehrervertreter und Gewerkschafter, schließlich wurden diese von den Lehrenden zu solchen gemacht - ist für mich ein zusätzlicher Grund, dem Vorhaben, sie noch mehr unterrichten zu lassen, mit äußerster Skepsis zu begegnen. Auffallend auch die seltsame Widersprüchlichkeit in der öffentlichen Meinung: Lehrer werden nicht wertgeschätzt, aber sie sollen mehr unterrichten. Für die Kinder sind sie offenbar gut genug.

4. Ich denke, wir brauchen Lehrer mit weitem Horizont, Lehrer, die über die unterrichtliche Tätigkeit hinausblicken bzw. diese in größere Zusammenhänge einbetten können. Durch mehr verpflichtende Unterrichtszeit wird man das nicht erreichen - im Gegenteil. Außerdem trifft diese Maßnahme primär die besonders engagierten Lehrer, die viel Zeit für die Gestaltung ihres Unterrichts aufwenden.

5. Ich bin mir auch nicht sicher, ob für Schüler/innen mehr Kontakt mit Lehrer/innen zweckmäßig ist, ganz abgesehen davon, dass ich mir als Schüler das nicht gewünscht hätte. Mehr als fünf Stunden verpflichtenden Unterricht pro Tag halte ich für eine Zumutung. Schüler brauchen Eigenarbeitszeit, auch Arbeitszeit mit Peers außerhalb der Unterrichtszeit ist wichtig, zumindest ein Teil der täglichen Arbeitszeit (erst recht Freizeit) sollte selbstbestimmt und nicht von Lehrkräften vorstrukturiert sein. Ganztägig (acht Stunden) von Lehrern umzingelt zu sein ist für mich eine Horrorvorstellung.

6. Ich halte es schon für sinnvoll, dass die Lehrer/innen deutlich mehr als die Unterrichtszeit in der Schule verbringen - für Beratungen der Schüler, für Arbeiten mit Kollegen, in hoffentlich geringem Ausmaß für Administration. Also etwa insgesamt 30 Stunden pro Woche in der Schule.
Dass es dann noch zehn Stunden gibt, die zeitlich und örtlich frei gestaltet werden können und müssen, ermöglicht genau jene Autonomie und jene Spielräume, deren produktive Nutzung ich mir von einem guten Lehrer erhoffe. Mag schon sein, dass dann einige diese Zeit nicht zum Wohle ihrer Schultätigkeit nutzen werden, aber der Mehrwert, den die Guten bringen, überwiegt.

7. Unter den gegebenen Umständen haftet dem Wunsch, Lehrer und Schüler sollen mehr in der Schule sein, allerdings etwas Paradoxes an: Wir leben in Arbeits- und Freizeitwelten, in denen zunehmend Selbstorganisation, insbesondere zeitliche Selbstorganisation, gefordert ist. Das "Selbst" ist einerseits das Individuum, aber auch Kollektive wie Arbeitsgruppen, kleine Teams oder Freundesgruppen müssen sich selbst organisieren. Darauf vorbereiten zu wollen, in dem man die vorstrukturierte Zeit in der Schule vermehrt, ist schon eigenartig.

8. Unerträglich ist für mich inzwischen der polemische Sager: "Auch die Lehrer müssen einen Beitrag leisten" : Weil er suggeriert, dass alle anderen, oder zumindest die meisten, ihren Beitrag bereits geleistet hätten. Eher verständlich wäre: "Auch der öffentliche Dienst muss seinen Beitrag leisten" , etwa durch eine Gehaltskürzung. Das Pech der Lehrer ist aber offenbar, dass sie für etwas Wichtiges "zuständig" sind, das auch der Regierung ein besonderes Anliegen zu sein scheint: Bildung. Darum kann man ihnen, den Lehrern, dann auch leicht "moralisch kommen" . - Fazit: Es bräuchte ein anderes Zeitma-nagement in der Schule - eine neue Arbeitsökonomie, die teils individuell, teils kollektiv bewältigt werden müsste. Voraussetzung dafür ist mehr Flexibilität - unter anderem ein Abgehen von starren Unterrichtsstunden-Rhythmen, aber auch von einer starren Aufteilung der Lehrer-Arbeitszeit auf Unterrichten, Beraten, Vorbereiten, Administrieren ... Auch die Verteilung der Schüler-Arbeitszeit müsste flexibler gehandhabt werden, als das derzeit der Fall ist.

Ein Dienstrecht für Lehrer/innen darf nur einen sehr groben Rahmen vorgeben - etwa 30 Stunden in der Schule -, der Rest ist an der Schule zu entscheiden. Eine Maßnahme wie die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung, die ganz im Rahmen des derzeitigen Denkens in zentralen Steuerungsstrategien verbleibt, ist kontraproduktiv. (Roland Fischer/DER STANDARD-Printausgabe, 13. März 2009)

*Roland Fischer ist Dekan der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung an der Universität Klagenfurt.

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