Nuttokratie

Machtverhältnisse im Stiefelland

Die "Nuttokratie" ist vor ein paar Tagen im Zusammenhang mit dem Ehedrama im Hause Berlusconi in einem Bericht im STANDARD aufgetaucht. Ersonnen hat das Wort Berlusconis einstiger Weggefährte und heutiger Widersacher Paolo Guzzanti, wobei Guzzanti im italienischen Original natürlich nicht von einer Nuttokratie sprach, sondern von einer "Mignottocrazia", die man wahrscheinlich auch als Hurokratie oder Schlampokratie ins Deutsche übersetzen hätte können. Gemeint ist jedenfalls, dass junge und leichtlebige Damen eine beträchtliche Macht auf den Cavaliere ausüben. Wer in den speziellen Machtkonstellationen an der italienischen Regierungsspitze allerdings wirklich am längeren Hebel sitzt, wäre zu hinterfragen. So, wie man den Cavaliere kennt, wird er sich von den Damen nicht nur widerstandslos einspannen lassen, sondern sie seinerseits für alle mögliche Ziele privater und politischer Natur instrumentalisieren. Insofern werden der Nuttokratie in Italien durch einen kräftigen Schuss ausgleichender Phallokratie auch Grenzen gezogen sein. Ein System von Checks and Balances, wenn man so will.

Die Nuttokratie ist ein Anlass, sich wieder einmal die vielen Herrschaftsformen in Erinnerung zu rufen, welche man mit dem Suffix -kratie (von "Kratos", Macht, Stärke, Herrschaft) bilden kann. Die alten Griechen haben ja freundlicherweise und zur Belehrung für die Nachwelt alle möglichen Arten der Machtausübung in der Praxis durchgeprobt und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile am eigenen Leib erlebt: Aristokratie, Demokratie, Plutokratie, Ochlokratie, Gerontokratie usf.; erspart blieb ihnen, weil es im alten Athen noch kein Fernsehen gab, lediglich die Erfahrung der Telekratie.

Für den Fall, dass die p.t. Leser sich des Themas bemächtigen und auf alte oder auch neu erfundene Herrschaftsformen hinweisen wollen: Postings herzlich erbeten.

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

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