, Christoph Winder

Aufsteirern

Landsmannschaftlicher Sprachstolz

Ich hoffe, die p.t. Leser verzeihen meine landeskundlichen Wissenslücken, aber bis letzte Woche war mir leider unbekannt, dass es einmal per anno in Graz ein großes Volksfest gibt, das so genannte "Aufsteirern". Leider konnte ich heuer nicht dabei sein, obwohl Mitglieder des Kleine-Zeitung-Vorteilsclubs sogar einen Gutschein bekommen hätten, mit dem man zwei "Aufsteirer"-Häferl zum Preis von einem erwerben konnte. Dieses Angebot ist mir ebenso durch die Lappen gegangen wie der Gratismagenbitter an den Ständen von Arzberger und Pirker. Aber nächstes Jahr bin ich dann ganz sicher mit von der Partie.

Nun zum "Aufsteirern": Einem Bundesland, das in der Lage ist, ein solches Verbum hervorzubringen, mangelt es garantiert nicht an Selbstbewusstsein. Im Aufsteirern schwingt, wie im Aufpimpen, Aufplustern oder Aufbrezeln, ein Stolz-sich-in-die-Brust-Werfen mit, eine unbändige Lust, sich in die Landestracht zu schmeißen und sich so der Welt in vollem Glanze zu präsentieren. Ja, in Wahrheit erweist sich die Steiermark mit diesem Zeitwort sogar als ein Bundesland von sprachlich singulärem Zuschnitt: Denn es gibt zwar ein Aufsteirern, nicht aber ein Auftirolern, Aufkärntnern oder Aufvorarlbergern, und auch ein Aufwienern, Aufburgenländern, Aufniederösterreichern, Aufoberösterreichern oder Aufsalzburgern ist unbekannt. Offen bleibt die Frage, ob sich das Steirern nur mit der Präposition "auf" verbinden lässt, oder ob es auch ein Zusteirern, Nachsteirern, Ansteirern, Vorsteirern, Mitsteirern, Zusammensteirern oder ähnliches gibt. Vielleicht haben ja die p.t. Leser die eine oder andere Assoziation zu diesem Thema beizusteirern.

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
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