, Christoph Winder

Krenreiben

Keine Freude am neuen Kodex

Die neuen Vergütungsregeln im Corporate Governance Kodex , der fürderhin die Bonuszahlungen für Manager beschränken soll, sind nicht auf jedermanns Gegenliebe gestoßen. Die kurze und bündige Bewertung, die AK-Direktor Werner Muhm dem Regelwerk angedeihen ließ - "Der Kodex ist zum Krenreiben" - mag inhaltlich richtig sein, sprachlich habe ich allerdings Mühe mit dem Bild.

Wenn ich mich nicht irre, so ist das mit Hilfe des Krenreibens ausgedrückte Verdikt der mangelnden Nützlichkeit und Eignung auf Personen beschränkt - so schließe ich es jedenfalls aus dem Eintrag "Kren" in Wolfgang Teuschls "Wiener Dialektlexikon", wo es heißt: "wem zum Krenreißen (oder -reiben) brauchen: jemanden zu gar nichts gebrauchen können". Zum Krenreiben könnte also ein Untersuchungsausschuss, eine Ratingagentur oder ein Politiker sein, nicht aber eine Studie, eine Umfrage oder eben der von Direktor Muhm beanstandete Kodex. Ich muss allerdings gestehen, dass ich mich mit dieser Einschätzung eher auf dem dünnen Eis der Mutmaßung bewege als auf dem harten Boden der sprachlichen Tatsachen, zumal ich den mich umgebenden Nachschlagewerken keine näheren Hinweise auf das Krenreiben und seine Herkunft entnehmen konnte. Möglicherweise darf ich mir aber ja erlauben, das Sprachgefühl der p.t. Leser zu beanspruchen und sie zu fragen, wie es denn sie persönlich mit dem Krenreiben halten respektive wer denn für sie als potenzielles Subjekt (oder Objekt?) des Krenreibens in Betracht kommt.

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
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