Rektor Winckler: "Gewisses Verständnis" für Studenten

31. Oktober 2009, 13:28

Auch am Wochenende gehen die Proteste der Studierenden weiter - Im Epizentrum, dem Wiener Audimax, setzt man am Wochenende auf Kultur und Diskurs - derStandard.at berichtet

Auch am Tag 10 der Besetzung des Wiener Audimax, des größten Hörsaals der Universität Wien, zeichnet sich kein Ende ab. Dafür sind für heute einige Veranstaltungen geplant, die allesamt auf eine Verquickung von Kultur und Politik abzielen. Etwa um 19 Uhr, wenn der Film "Bock for President" noch vor der offiziellen Viennale-Premiere zur Aufführung gelangt. Davor, um 18 Uhr, werden Lehrende mit den Studierenden und den BesetzerInnen diskutieren. Mehr dazu hier und dort und natürlich auch da: derStandard.at berichtet auch am Wochenende von den Protesten der österreichischen HochschülerInnen, die mehr und mehr auch im Ausland Unterstützung und Solidarität erfahren. ZurPolitik-Blogger Tom Schaffer ruft übrigens in einem Offenen Brief an die Audimax- und C1-BesetzerInnen zu mehr Gelassenheit auf: "Wir sollten nicht in einen Wahn verfallen, bei dem wir uns an jedem Tag zu übertreffen versuchen." Word!

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Der Rektor der Uni Wien, Georg Winckler, zeigt ein "gewisses Verständnis" für die Studentenproteste und sieht die Politik am Zug. Das Hauptproblem sei, dass "Ziele und Mittel auseinanderklaffen", sagte Winckler im Ö1-"Journal zu Gast" am Samstag. Die Politik sei nun aufgerufen, "Verantwortung wahrzunehmen" und Gespräche mit den protestierenden Studenten aufzunehmen. Es sei wichtig, dass jetzt ein Dialog entstehe, davon hänge auch die Dauer der Uni-Besetzungen ab.

Wenn die Politik den Dialog verweigere, rechne er damit, dass die Besetzungen noch eine Zeit lang anhalten werden, meinte Wickler. Auf seiner Uni will der Rektor mit den Studenten im Audimax zusammenkommen. Das wurde von den Besetzern in einer Aussendung am Samstag auch ausdrücklich begrüßt. Wie es im größten Hörsaal der Universität Wien aussieht, weiß Winckler allerdings schon. Denn er war bereits "inkognito" dort, um sich persönlich ein Bild zu machen.

Die Kosten der Besetzung wollte Winckler in Zahlen nicht nennen, er äußerte vielmehr ein "gewisses Verständnis" für die Studenten. Ein höheres Budget für die Unis wäre wichtig, denn Ziele und Mittel klaffen auseinander, so Winckler. Er plädierte dafür, einen "Gesamtplan" zu entwicklen. Das Grundproblem überlaufener Fächer seien nicht die deutschen Numerus-Clausus-Flüchtlinge, sondern die nicht ausreichenden Studienplätze, so der Rektor.

Runder Tisch

Aus aktuellem Anlass hat der ORF Freitag Abend sein Programm geändert und einen "Runden Tisch" organisiert. Unter der Leitung von Tarek Leitner diskutieren zum Thema "Aufstand der Studenten - Was ist uns die Bildung wert?" Dr. Johannes Hahn, Wissenschaftsminister (ÖVP), Sigrid Maurer, ÖH-Vorsitzende, Isabella Weiss, Sprecherin Audimax-Besetzer, Dr. Sabine Oberhauser, ÖGB-Vizechefin (SPÖ), Univ.-Prof. Dr. Peter Skalicky, Rektor, TU-Wien, und Dr. Michael Landertshammer, Bildungsexperte, WKÖ.

"Eine Premiere" stellte die Runde dar laut Leitner dar, da "erstmals beide Konfliktparteien" an einem Tisch saßen: Hahn auf der einen, Weiss auf der anderen Seite. Weiss hat keine offizielle Funktion, sondern wurde im Audimax "aufgerufen". Ihr Name stand nach eigenen Angaben auf einer Liste, in die sich eintragen kann, wer sich zutraut, mit Medien zu sprechen. Weiss nannte die von Hahn versprochenen 34 Millionen Euro einen "Tropfen auf dem heißen Stein" und "eine kurzfristige Finanzspritze". Eine langfristige Finanzierung sei damit nicht sichergestellt, so Besetzerin Weiss. "Ich sehe das eigentlich als eine Art Beschwichtigungsversuch", sagte Weiss und fügte hinzu, dass die Proteste und Forderungen "trotzdem weitergehen werden". Hahn konterte, dass "viele Österreicher und Österreicherinnen Schwierigkeiten hätten" bei 34 Millionen von einem "Tropfen auf dem heißen Stein zu sprechen" - das sei Geld, das ausschließlich im Hörsaal und den Labors zur Anwendung kommen solle, um die Lehr- und Studienbedingungen zu verbessern. Hahns Ziel: "Dass möglichst viele ihr Studium absolvieren."

Ende, absehbar?

Für ein Ende der Besetzung gebe es einen Katalog an Forderungen, der sich auf drei wichtigste Punkte zusammenfassen lasse: Freie Bildung für alle, keine Zugangsbeschränkungen, demokratische Strukturen an den Universitäten. Ein Beispiel für nicht-finanzielle Zugangsbeschränkungen seien beispielsweise Studieneingangsphasen. "Wir bleiben so lange im Hörsaal, bis das Plenum und alle Menschen, die im Audimax sind, beschließen, dass wir etwas erreicht haben, das wir erreichen wollten." Die Forderungen, in Zahlen gegossen? Das lasse sich in Zahlen nicht so leicht ausdrücken, so Weiss, wichtig sei, dass langfristig genug Geld zur Verfügung stehe.

Skalicky, Rektor der TU Wien, nannte die Motive der Besetzung "edel", gleichzeitig stoße man aber an Grenzen. Man verwechsle beispielsweise freien mit unbeschränkten Hochschulzugang. An der TU Wien gebe es heuer über 1.000 Studienanfänger für Architektur und "abgesehen davon, dass man sich fragen muss, ob das sinnvoll ist", sei das Problem der hohen Anzahl an Anfängern nicht mit Geld zu lösen. Da stoße man an die Grenzen der Bodenbelastbarkeit, so Skalicky. Notwendig sei ein fachspezifischer Blickwinkel: Es gehe also weniger um die Diskussion um freien Zugang oder Beschränkungen, sondern es brauche einen Konsens darüber, was Universitäten überhaupt leisten sollten und ob das mit den zu verhandelnden Mitteln überhaupt möglich sei. Skalicky freue sich über die 34 Millionen Euro, betonte gleichzeitig aber, dass er damit übereinstimme, dass dieses Geld keine langfristige Lösung des Problems sei.

Studenten und Probleme

Hier klinkte sich ÖH-Chefin Maurer ein, die es als "sehr störend" empfand, dass von "interessierten Studenten, die etwas lernen wollen, immer als Problem die Rede" sei. Ein "zentrales Problem" sei zum Beispiel die falsche Studienwahl aufgrund von mangelnder Information. Sabine Oberhauser, ÖGB-Vizechefin (SPÖ), schlug in dieselbe Kerbe: Die Studenten seien keine "Welle, die man aufhalten muss". Im Gegenteil, argumentierte Oberhauser weiter, hätten eben diese es geschafft, dass innerhalb kürzester Zeit in ganz Österreich über Bildung diskutiert werde.

Seitens der Wirtschafts könne nur zugestimmt werden, dass solche Aktionen gesetzt werden, so WKÖ-Bildungsexperte Landertshammer, "weil damit etwas in Bewegung geraten ist". "Wir wollen eine höhere Akademikerquote" stellte Landertshammer klar, "das wollen wir alle. Die Frage ist nur: Wer soll das zahlen?". Sein Vorschlag: ein Hochschulentwicklungsplan für die kommenden fünf bis 15 Jahre. Funktioniere soll dies, indem man diesen Plan von der Parteipolitik unabhängig mache und den Dialog ("den wird es demnächst geben") fortsetze.

Aussichten und Pläne

Wie das aussehen soll? Landertshammer: Mittels Studieneingangsphasen und Gebühren, aber gleichzeitig mit einem Stipendiensystem, das es allen ermögliche, zu studieren, beispielsweise mittels günstigen Krediten, die langfristig zurückgezahlt werden können.

Ein Teil des Budgets könnte auch dafür eingesetzt werden, um junge Menschen in ihrer Studienwahl zu beraten, so ÖGB-Vizechefin Oberhauser. Beispielsweise könne man zusammen mit der WKÖ oder der Industriellenvereinigung Projekte starten, um zu schauen, wo Studierende benötigt werden.

"Absurd", befand ÖH-Vorsitzende Maurer, wäre die Annahme, dass die Industriellenvereinigung wisse, welche Studienrichtung zu wählen sei. Bildung solle außerdem nicht nur nach wirtschaftlichen Interessen ausgerichtet sein, sagte Audimax-Sprecherin Weiss. Die Frage der Perspektive sei ein Punkt, weswegen Hahn eigenen Angaben zufolge auch zum Dialog eingeladen habe, sagte der Minister selbst. Notwendig sei beides, sagte Bildungsexperte Landertshammer: dass sich ein Studium nach Abschluss auch zu Geld machen lasse sowie die viel zitierten "Orchideenfächer" für die kulturelle Vielfalt des Landes. Es sei aber nicht notwendig, ein Studium zu wählen, weil es "schick" sei, ohne sich dabei Gedanken zu machen, was man später damit machen wolle, so Landertshammer weiter. Einig waren sich die Diskutanten darin, dass vor allem eines notwendig sei: Beratung der Studienanfänger im Vorfeld. Die Finanzierung hierfür sei ausreichend, so Hahn, man müsse sich eher etwas bezüglich der Methodik der Beratung überlegen.

Wie lange die Besetzung noch dauert, konnte auch ÖH- Vorsitzende Maurer nicht einschätzen: Das hinge von den Studierenden ab, denen sie zutraue, dass sie durchaus noch "ein halbes Jahr, ein Jahr, wie lang auch immer" bleiben würden. (red/APA)

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