, Christoph Winder

De fucking facto

Die Kunst des Sandwich-Fluchs

Vor ein paar Tagen habe ich mir noch einmal die letzten Folgen der gloriosen HBO-Serie "The Wire" reingezogen und kann nicht anderes, als sie allen Menschen guten Willens (und mit guten Englischkenntnissen) wärmstens ans Herz zu legen. Seien Sie aber gewarnt: Weil es bei den Drogendealern und der Polizei in Baltimore, um die sich die ganze Sache dreht, nicht zugeht wie in einem Mädchenpensionat, wird der p. t. Seher oder die p.t. Seherin nach allen 60 Folgen mindestens 25.000 Mal das Wort "Fuck" in all seinen Variationen gehört haben, als da wären fucking, fuck me, fuck you, fuck a duck, doublefuck, clusterfuck und so weiter und so fort. Legendär ist die Besichtigung eines Verbrechenstatortes durch zwei Polizisten, bei der sich die beiden minutenlang einzig und allein mit Hilfe des Wortes fuck unterhalten und sich dabei bestens zu verstehen scheinen.

Die allerbeste Anwendungen von Fuck-Varianten finde ich aber die, bei denen das Wort "fucking" ungeniert in die Mitte eines Begriffes eingebettet wird, wie zum Beispiel bei "Washington fucking Post" oder aber bei "de fucking facto". Das letzte Beispiel ist besonders aberwitzig, weil sie das vulgäre fucking auch noch auf das Sonderbarste mit dem bildungssprachlichen "de facto" kontrastiert.

Seit ich "Washington fucking Post" und "de fucking facto" gehört habe, frage ich mich, ob es uns je gelingen würde, eine schöne deutsche Übersetzung zustande zu bringen: Die "Süddeutsche verdammte Zeitung"? "De verfickt facto"? Klingt recht daneben. Aber vielleicht haben ja die p.t. Leser den einen oder anderen Vorschlag für einen gekonnt konstruierten Sandwich-Fluch in unserer Sprache in petto, einen Fluch also, bei dem die Verwünschung elegant zwischen zwei zusammengehörige Wörter eingearbeitet wird.

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

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