, Christoph Winder

Merkwürden

Eine sonderbare Anredeformel

Gut, dieses Wort ist in Wahrheit ja ein alter Schuh, aber als es mir unlängst irgendwo untergekommen ist, entschied ich mich für den Mut zum Anachronismus und hebe es heute tapfer ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. "Merkwürden" ist natürlich nach dem Muster von "Hochwürden" gebildet, einem Anredewort, mit dem man geistliche Würdenträger (vor allem katholische Priester) korrekt apostrophiert.

Wenn ich es recht sehe, wird der "Merkwürden" gerne für Personen verwendet, die ein schwer verständliches, exzentrisches Gebaren an den Tag legen. Priester müssen diese Personen keineswegs sein, anderseits ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass ein Hochwürden zugleich ein Merkwürden sein kann. Selbst Gegenstände können als "Merkwürden" bezeichnet werden - in einem Internet-Beleg ist "Seiner Merkwürden, dem Oracle-Server" die Rede.

Häufig kommt der Merkwürden in Textpassagen mit bewusst archaisierendem Deutsch vor, wie etwa in folgenden Sätzen: "Ich wähnte Euer Merkwürden schon längst auf Schusters Rappen.", "Merkwürden belieben stets zu überraschen!" oder "Das hätten Ihro Merkwürden jetzt wohl nicht vermutet". Besonders merkwürden ist die adjektivische Verwendung von merkwürden anstelle des sprachlich korrekten merkwürdig: Auch auf diese Konstruktion stößt man gelegentlich im Netz (" Was aus der Scheibenwaschanlage sickert so merkwürden?" "Das Leben ist merkwürden", "Habiger, Dein Weltbild ist merkwürden." usf).

Selbstverständlich käme ich niemals auf die Idee, die p.t.. Leser dieses Wörterbuchs als Merkwürden zu bezeichnen. Dafür aber bin ich mir ganz sicher, dass sie belieben werden, uns mit männiglicher Assoziation zu diesem wunderlichen Worte zu delektieren.

 

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

Mehr zum Thema Winders Wörterbuch zur Gegenwart