Vollendet

9. Februar 2010, 12:23

Kochen nach Art der Kulturgiganten

Vor drei Wochen galt unsere Aufmerksamkeit der aufdringlichen Warenanpreisungsformel Von Hand gemacht. Jetzt bin ich in einem Wirtshaus auf ein Wort von großer Verbreitung und vergleichbarer Penetranz gestoßen, das Wort "vollendet" nämlich. Konkret ging es um eine Gemüsesuppe, von der versprochen wurde, der Koch habe sie mit Schlagobers "vollendet". Ganz abgesehen davon, dass die Aufgießen einer Suppe mit Schlagobers nicht von übertriebener kulinarischer Originalität zeugt, wirkt die Verwendung des Verbums "vollenden" in diesem Zusammenhang prätentiös.

Der Schmäh funktioniert so, dass der Speisekartenschreiber, indem er die "Vollendung" ins Spiel bringt, versucht, ein Naheverhältnis zwischen Gasthausköchen und Kulturgiganten herzustellen, von denen man (cf. Schuberts "Unvollendete" usf.) bekanntlich weiß, dass sie mit dem Vollenden häufig ihre Probleme haben: Eine anmaßende Vermischung zweier nicht zusammengehöriger Sphären also. Die Lebensmittel, mit denen am häufigsten in der Küche "vollendet" wird, sind übrigens neben der Schlagobers: Kokosraspel, Parmesan, Schokoladensauce, gehackte Petersilie und Preiselbeeren.

Womöglich ist ja auch den p.t. Lesern noch das eine oder andere Vollendungs-Vehikel oder eine andere vollendete Assoziation zu diesem Stichwort bekannt - in diesem Fall bitte ich um freundliche Mitteilung per Posting.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at