Foto: Heribert Corn

Entschneckerlt

16. Februar 2010, 11:47

Wenn sich die Locke verflüchtigt

Opernballübertragung 2010: Nicht nur ich hatte den Eindruck, dass die Herren Wagner-Trenkwitz und Hohenlohe die mit Abstand coolste und gestammelfreieste ORF-Performance des Abends zum Besten gaben. Als die Kamera über die Loge des Herbert Prohaska glitt, da meint einer der beiden Kommentatoren, das sei jetzt der Herbert Prohaska, und er fügte sogleich maliziös hinzu, der sei ja auch schon ziemlich "entschneckerlt". Dieses Wort war natürlich eine feine Anspielung auf die - heute mehr ganz so dichte - Lockenpracht, welche Herrn Prohaska einst den Spitznamen Schneckerl eingetragen hat.

Ich nehme dies gerne zum Anlass, wieder einmal ein paar Erinnerungen an das Haar-Vokabular wachzurufen, das wir in diesem Wörterbuch schon mehrfach durchgenommen haben (Repetitio est mater studiorum!). Also: "BBC" heißt "bald by choice", d. i. soviel wie "gewollt kahlköpfig". Als österreichisches Pendant hierzu wurde "ORF" vorgeschlagen, "obenrum rasierte Freiwilligenrasur". Für Kahlköpfigkeit schlechthin, ob gewollt oder ungewollt, gibt es eine ganze Palette einschlägiger humoristischer Ausdrücke: Fleischmütze, Breitseite, Cabrio, Knie zwischen den Ohren, ein schönes Gesicht braucht viel Platz und so fort. "Entschneckerlt" hatten wir allerdings noch nicht, und es passt ja auch nicht für einen jeden, denn wer seiner schnürlgeraden Haare verlustig geht, den müsste man vielmehr "entschnittlaucht" nennen.

So, wie ich meine p.t. Leserinnen und Leser kenne, haben sie sicher gut aufgepasst und wissen auch zu dieser Wiederholung ihr Scherflein beizutragen.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
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