Kerbe

Ein sprachlich beschönigter Körperteil

Ein Kollege hat mir vor einigen Tagen beim Mittagessen verraten, dass eines seiner Vorhaben "voll in die Kerbe", also in den Arsch gegangen sei. Die Verwendung der Kerbe als beschönigendes Arsch-Synonym war mir neu; ich würde diese Gepflogenheit in dieselbe Sprachschublade einreihen wie etwa das alte "Leck mich am Ärmel", "Armleuchter", "Sack Zement" und so weiter. Bei einer kleinen Recherche in Röhrichs großem Lexikon der Sprichwörtlichen Redensarten habe ich eine Belegstelle gefunden, welche die Verwendung der Kerbe in angegebenen Sinn bereits in grauer Vorzeit bezeugt.

Ich zitiere: "Jemanden auf die Kerbe einladen: ihn einladen, ihn am Arsch zu lecken. Die Redensart spielt mit dem Gleichklang von Kerbe, Kirbe = Kirchweih und der Gesäßkerbe. Im 17. Jahrhundert scheute selbst eine hochgeborene Gräfin von Leiningen sich nicht, 'auf die schmutzige Kirwe' einzuladen." Auch das Wörterbuch der Grimms kennt die Kerbe als Pars pro Toto: "kerbe am menschlichen (thierischen) körper. 'kerbe zwischen den hinterbacken' FRISCH, arschkerbe, auch nl. aarskerf, ostfries. nærskarve, auch für den ganzen körpertheil)". Eine schönes Zitat aus einem Fastnachtsspiel finden wir ebenfalls angeführt: "es druckt mich so ser umb die kerben (von indigestion), ich hab sorg, ich musz sterben." Damit halte ich aber auch schon inne und bitte die p.t. Leser, jetzt ihr Scherflein zum lexikalischen Fortschritt beizutragen und uns zu verraten, welche Rolle denn der Kerbe in ihrem persönlichen Sprachgebrauch zugeteilt ist.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

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