, Christoph Winder

Faulenzerstaat

Zeitgenössische Variante des Schlaraffenlandes

Ein Wort, das in Zeiten wie diesen Konjunktur hat. Herangezogen wird es zur gerne zur Charakterisierung jener Mittelmeerstaaten, deren Finanzgebarung zu wünschen übrig lässt, zuletzt etwa in einem Kommentar in der Kronenzeitung vom Samstag. Geschaffen wurde der Begriff nicht erst aus Anlass der Griechenland-Krise; eine Google-Recherche zeigt, dass er bereits früher im Umlauf war, etwa in der Verballhornung "Arbeiter- und Faulenzerstaat", für "Arbeiter- und Bauernstaat", die Selbstbezeichnung der DDR. Der Begriff schillert doppeldeutig, weil nicht ganz evident ist, ob mit dem "Faulenzer" der Staat selbst gemeint ist, oder aber die Bewohner des Staates, denen man mangelnden Eifer vorwirft.

Ein Vorgänger der Faulenzerstaates ist das märchenhafte Schlaraffenland, zu dem das Wörterbuch der Grimms folgendes weiß: "SCHLARAFFENLAND, n. das erdichtete land der schlaraffen, älter Schluraffen-, Schlauraffen-, Schlaweraffenland, mnd. Sluraffenlant. vgl. schlaraffe. gewöhnlich wird es geschildert als das land mühelosen sinnlichen genusses jeder art, wo der müszige belohnt und der fleiszige bestraft wird: Schlauraffenland, insulae fortunatae, Utopia." Der Schlaraffe wiederum ist ein "faulenzer, wollebender müsziggänger", sodass also das Schlaraffenland gleichbedeutend dem "Faulenzerland" und als solches in nächster Nähe zum "Faulenzerstaat" angesiedelt ist.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
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