Indizien-Suppe

Der Staatsanwaltschaft ins Häferl geschaut

Ein Traumsatz aus der Kronenzeitung von Fronleichnam (3.6.2010) über einen Freispruch am Wiener Landesgericht: "Tatsächlich war die Indizien-Suppe nach dem Mord an einer Wiener Juwelierin äußerst dünn ..." So haben wir uns die Tätigkeit der Staatsanwaltschaft immer vorgestellt: Die wackeren Staatsanwältinnen und Staatsanwälte versammeln sich kollektiv in der Staatsanwaltschafts-Küche, und dann wird - nebst gelben Rüben, ein paar Markknochen und einem Bund Petersilie - ein Indiz nach dem anderen in den Suppentopf gerührt, in der Hoffnung, dass die so entstandene Suppe eine ausreichend feste Konsistenz aufweisen möge, wenn sie dem Richter aufgetischt wird. Schön wär‘s natürlich, wenn sich auch noch ein paar Geständnis-Fridatten oder Beweis-Knödel als Einlage fänden, um das Suppengericht aufzuwerten. Wenn es daran mangelt, wird man sich halt wohl oder übel mit der bloßen Indizien-Suppe zufrieden geben müssen.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
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