"Für Stadtarchäologen sind Abfälle wichtig"

Julia Schilly
9. Juli 2010, 19:09
Römersiedlungen, knapp 2000 Jahre alte Hundegerippe und alte Bahnhöfe: Stadtarchäologen graben aus dem Boden Wiens untergegangene Welten aus

"Das ist Detektivarbeit, wie bei CSI", sagt Karin Fischer Ausserer, Leiterin der Wiener Stadtarchäologie. Es ist zwölf Uhr mittags auf der Baustelle der Aspanggründe im dritten Wiener Gemeindebezirk. Kräne ziehen in der Sommerhitze einen neuen Stadtteil in die Höhe. Doch nicht nur Maschinen und Bauarbeiter sind tätig: Ein paar hundert Meter weiter, in der Nähe des Ziakplatzes, wühlen einige Wissenschafter, gut geschützt mit Sonnenbrillen und Hüten, ausgerüstet mit Spaten, Schaufeln und Pinseln im sandigen Erdreich, markieren Verfärbungen im Boden und sammeln Scherben, Tierknochen und Metallreste in Kübeln. Ihr Ziel: Überreste des alten Aspangbahnhofs und römischer Siedlungen aufzuspüren.

"Wenn man heute über den Rennweg geht, könnte man sich das mit viel Phantasie so vorstellen: Beidseitig eines Weges lagen Wohnhäuser, dahinter kleine Gärten für den Hausbedarf und Werkstätten", beschreibt Fischer Ausserer. Es wurden aber sogar noch ältere Funde, zum Beispiel Gräber aus der Bronzezeit (etwa 2200 v. Chr. bis 1200 v. Chr.) und Siedlungsreste aus der La-Tène-Zeit (5.-1. Jahrhundert v. Chr.) ausgehoben. "Mich interessieren weniger die Kriege, Könige oder Kaiser, sondern Funde, durch die ich in einen Menschen von damals und in dessen Leben hineinblicken kann", sagt die Wissenschafterin.

Verkrüppelte Hunde und Tierschutz im alten Rom

Ein Beispiel, das ihr besonders in Erinnerung blieb, war der Fund eines Hundeskeletts am Judenplatz, mitten in den Resten des römischen Legionslagers. Tierschutz ist heute ein Thema, aber vielleicht war es das auch schon vor 1500 Jahren, vermutet die Stadtarchäologin: "Wir haben die tierische Überreste von Archäozoologen untersuchen lassen und es hat sich folgendes herausgestellt: Der Hund war verkrüppelt und sehr alt. Das bedeutet wohl, dass das Tier nicht nur einen Nutzen erfüllt hat, denn sonst hätte er körperlich intakt sein müssen."

Alleswisser

"Der Archäologie muss eigentlich von allem ein bisschen etwas können. Anthropologie, Geologie, Zoologie, Botanik - zur Unterstützung holt man sich dann Experten von außen dazu", sagt die Stadtarchäologin. Denn Grabungen seien nur ein Drittel der Arbeit, erklärt sie: "Wenn die Grabung vorbei ist, fängt die Arbeit erst an. Fachleute vergleichen, analysieren und ordnen Fotos, Daten und Fundmaterial."

Fischer Ausserers Leidenschaft für das Entdecken alter Dinge begann in der Kindheit. Ihre Eltern hatten einen Bergbauernhof in Südtirol in 1500 Meter Höhe. Die Familie lebte zwar schon im Tal, aber im Sommer erkundete sie die Schätze am Dachboden. Die nächste Etappe waren Märchen, griechische und römische Mythologie. Nach der Matura ging sie nach Wien und studierte Archäologie.

"Bauprojekte keinesfalls verzögern"

Um ein Bild vom Alltag längst vergangener Zeiten zeichnen zu können, sind Grabungen notwendig. Hier müssen die Stadtarchäologen einige Faktoren berücksichtigen. "Wir dürfen in Wien nur tätig werden, wenn es Bauvorhaben gibt", erklärt die Leiterin. Die Baufirmen melden sich bei der Stadtarchäologie, die mit Hilfe ihrer Datenbanken und Archive relativ genau vorhersagen kann, wo Funde zu erwarten sind.

"Unser oberster Auftrag ist es, keinesfalls Bauprojekte zu verzögern. Die Archäologie sieht sich als Verbindung von Vergangenheit und Zukunft. Wir wollen das Wachstum und die Innovation in der Stadt nicht aufhalten, sehen uns aber verpflichtet, das alte nicht sterben zu lassen", sagt die Stadtarchäologin. Ideal sei, bereits in der Planungsphase mit einbezogen zu werden, dann könne die Baustelle ihren Terminablauf darauf abgleichen. "Das ist heute meistens der Fall, denn dadurch entstehen für niemanden hohe Kosten und es gibt keinen Zeitverlust", sagt sie.

Nichtwissen schützt nicht vor Strafe

Der weniger ideale Fall: Wenn in der Planung auf die Stadtarchäologie vergessen wird, aber der Boden Funde enthält. "Dann müssen wir flexibler sein und uns an das Baugeschehen anpassen. Wir können aber nicht sagen: 'Ihr habt uns vergessen und wir brauchen jetzt drei Monate'", sagt Fischer Ausserer. Der schlimmste Fall sei, wenn jemand die Gesetzeslage nicht kennt. Denn wenn durch Erdarbeiten Bodendenkmäler gefährdet werden, muss das gemeldet und innerhalb einer Zeitfrist und von Fachleuten gesichert werden. Nichtwissen schützt nicht vor Strafe. Die Behörde, die unter diesen Umständen tätig wird, ist das Bundesdenkmalamt, das die Baustelle bis zu sechs Wochen einstellen kann. "Das kommt zum Glück nur sehr selten vor", sagt die Wissenschafterin.

In Aspang funktioniert die Zusammenarbeit: Zuerst durchwühlen die Archäologen den Boden, dann kommen die Bagger. An der Grabungsstelle wird der Boden um bis zu einen halben Meter abgetragen. Im Norden befinden sich die Fundamente des ehemaligen Bahnhofs Aspang. Bislang wurden alte Kabelleitungen, Kanäle und im Südwesten das Herzstück - eine massive Wagonwaage aus dem 19. Jahrhundert - gefunden. Darunter liegen Spuren der Römer-Besiedelung. Im Nordosten stießen die Stadtarchäologen zum Beispiel auf eine römische Abfallgrube. Das ist für die Wissenschafter immer ein Grund zur Freude, wie Fischer Ausserer erklärt: "Für uns Stadtarchäologen sind Abfälle wichtige Zeugnisse aus der Vergangenheit." (Julia Schilly, derStandard.at, Juli 2010)

Wissen: Römisches Leben in Wien

Die bisherigen Erkenntnisse über römisches Leben in Wien sind schon relativ umfangreich: Im  ersten Bezirk war das römische Legionslager Vindobona mit 6000 Soldaten. Rundherum erstreckte sich die canabae legionis, die Lagervorstadt, die zwar militärisch organsiert war, aber von den Familien der Soldaten, Handwerkern und Händlern zur Versorgung des Legionslagers bewohnt wurde. Entlang des Rennwegs, der damaligen Limesstraße, lag die eigentliche Zivilstadt von Vindobona, wo sich das städtische Leben abspielte.

Die Limesstraße zog sich von dem heutigen Botanischen Institut der Uni Wien (Rennweg 12) bis zur Kreuzung Rennweg/Landstraße. "Vor 2000 Jahren lebten in diesen Bereichen sicher um die 25.000 Menschen unter relativ hoch entwickelte Strukturen", sagt Fischer Ausserer. Der Bereich war militärisch organisiert, aber auch Zivilisten lebten dort - es wurden Reste von Wohngebäuden, Werkstattbauten und Geschäftslokalen, aber auch Brunnen, Latrinen und Erdkeller entdeckt. Die Lehmziegel-, Holz- und Fachwerkwände wurden verputzt und bemalt. "Das bedeutet, dass sich die Bewohner schon häuslich eingerichtet haben und sich nicht nur auf militärischer Zwischenstation ansiedelten", sagt sie.

Mit dem Zusammenbruch des römischen Reiches wanderten die Soldaten ab und damit verschwanden auch die Familien, Handwerker und Händler. "Übrig blieben ein paar Ruinen, die Natur eroberte zurück was sie verloren hatte und gut fünf Jahrhunderte siedelten sich dort keine Menschen an", beschreibt die Archäologin. Im Mittelalter fing langsam wieder die Besiedelung an. "Man kann aber keinesfalls schon von 25.000 Menschen reden", sagt Fischer Ausserer. (Julia Schilly, derStandard.at, Juli 2010)

3., Landstraße

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