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Die scheinheilige Welt des Spitzensports vor Gericht

12. August 2010, 17:35

Als Manager sei es quasi seine Pflicht gewesen, sportlichen Mandanten Dopingmittel zu besorgen, sagt Stefan Matschiner in seinem Doping­pro­zess. Namen will er kaum nennen, was ihm zum Verhängnis werden könnte.

Wien - Eine "begeistere Fernsehzuschauerin" könnte dafür sorgen, dass Stefan Matschiner wegen Dopings verurteilt wird. Denn Frau G. kennt Langlauf-Olympiasieger Christian Hoffman. Ganz sicher. Zwar nur aus den Medien, aber trotzdem. Und dieses Wissen könnte die Glaubwürdigkeit des angeklagten Ex-Sportmanagers deutlich erschüttern.

Denn sie habe Hoffmann Anfang August 2008 gesehen, als er in ein Linzer Wohnhaus, in dem auch Matschiner eine Wohnung angemietet hatte, gegangen ist. "Er ist vielleicht zwei Meter von mir entfernt vorbeigegangen. Ich habe ,Grüß Gott' gesagt, aber er hat nur so kurz genickt", schildert die Mittfünfzigerin am Donnerstag im Wiener Landesgericht. "Die Familie genierte sich schon für mich", führt sie vor Richterin Martina Spreitzer-Kropiunik aus, da sie die auf eine Feier wartenden Verwandten so vehement auf den Sportler hingewiesen habe.

Ganz sicher ist sich allerdings auch Matschiner, dass sich der Vorfall nie ereignet haben kann. Denn Hoffmann sei nie in seiner Linzer Wohnung gewesen. Er wisse sogar noch, wer ihn damals besucht habe, den Namen will er aber nicht nennen.

Wie überhaupt ein Teil der Verteidigungsstrategie des wegen der Weitergabe illegaler Dopingmittel und Blutdopings angeklagten Matschiner darauf beruht, seine Kunden nicht zu enttarnen. Das Doping von acht Sportlern wird ihm von Staatsanwältin Nina Weinberger zur Last gelegt, fünf will er aber nicht nennen. Teilschuldig bekennt er sich, dass er einen Teil der Substanzen tatsächlich an Betroffene verkauft hat. Das maschinelle Blutdoping will er allerdings nur durchgeführt haben, als es in Österreich noch legal war.

Für Matschiner ist das ganze ein logischer Vorgang. "Die Welt des Spitzensports ist eine scheinheilige. Doping steht auf der Tagesordnung wie das Frühstück", erklärt er der forsch und teils fast aggressiv auftretenden Vorsitzenden. Für ihn ging es quasi um die Wahrung seiner Geschäftsinteressen. Schließlich war er der Manager von dutzenden Sportlern. Von denen er sechs bis acht Prozent der Jahreseinnahmen als Bezahlung bekam. "Wenn einer zu mir gekommen ist habe ich gesagt ,ja, natürlich kann ich dir helfen." Mit dem Doping selbst habe er aber kein Geld verdient.

Ein schlechtes Gewissen wegen einer möglichen Gesundheitsgefährdung habe er nicht. "Ich habe ja immer nur Minimaldosen gegeben, die unterhalb der Nachweisgrenze waren." Was vielleicht funktioniert hätte. Allein: Nicht alle hielten sich an den Plan. Wie Ex-Radprofi Bernhard Kohl. "Wenn Herr Kohl nicht so dumm gewesen wäre, sich auch aus anderer Quelle Cera (ein Dopingmittel, Anm.) besorgt hätte", wäre sein ehemaliger Schützling weiter Tour-de-France-Held, mutmaßt er.

Die Intelligenz von Kohl hat die Richterin naturgemäß nicht zu beurteilen. Aber seine Zeugenaussage, in der er Matschiner schwer belastet. Er habe in dessen Linzer Wohnung noch im September, also als es schon strafbar war, mit der Hilfe seines Ex-Managers Blutdoping betrieben.

Was dieser vehement bestreitet. Und für eine Überraschung sorgt, als er einen neuen Beweis vorlegt. Einen Pass, der mittels Stempeln beweisen soll, dass er zum fraglichen Zeitraum mit einem Klienten aus den USA für Werbezwecke in Belgrad war. Er habe zwei Reisepässe, aber dieser habe die Ermittler der "Soko Doping" des Bundeskriminalamtes nicht interessiert.

"Haben sie die Beamten darauf hingewiesen?", will Richterin Spreitzer-Kropiunik wissen. "Nein, sie haben ja nicht danach gefragt." "Aber so was sage ich doch von mir aus", schießt sie zurück. "Die sind beide auf dem Tisch gelegen, aber sie haben nur einen genommen", kontert Matschiner. Spreitzer-Kropiunik will den Pass nun kriminaltechnisch untersuchen lassen.

Dass sich Kohl irre, ist für Matschiner aber noch aus einem anderen Grund fix. Denn zum Zeitpunkt des angeblichen Besuchs sei die Maschine schon längst in Slowenien gestanden, wo Blutdoping legal ist. Bei einem weiteren anonymen Sportler. Und später weiter nach Budapest gebracht worden, wo sie von der Soko Doping beschlagnahmt worden ist.

Warum er allerdings die Wohnung in Linz per 1. August 2008 gemietet und im November wieder gekündigt hat, obwohl die Maschine da schon im Ausland gewesen sein soll, kann er nicht wirklich schlüssig darlegen.

Matschiner drohen im schlimmsten Fall drei Jahre Haft. Am 11. Oktober wird fortgesetzt. (Michael Möseneder; DER STANDARD Printausgabe 13. August 2010)

Wissen

Wirklich günstig ist Blutdoping nicht. Man benötigt medizinische Spezialgeräte um mehrere zehntausend Euro, mittels derer Blut abgenommen und die roten Blutkörperchen abgetrennt werden können. Dieses Konzentrat kann dann im Kühlschrank eingelagert und bei Bedarf wieder in den Körper injiziert werden. Dank der dann zusätzlichen roten Blutkörperchen kann mehr Sauerstoff im Blut transportiert werden, was in Ausdauersportarten den entscheidenden Vorteil von einigen Prozent Leistungssteigerung bringt. Bekannt ist die Methode schon seit Jahrzehnten, wurde aber speziell im Radbereich durch den Einsatz des Hormons Epo abgelöst. Erst als dieses besser nachgewiesen werden konnte, erlebte es eine Renaissance. (moe)

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