"Kein Ersatz, aber mehr Lebensqualität für Patienten"

1. September 2010, 17:37
Thema des internationalen "Muscle Symposium" ist die Wiederherstellung von Gliedmaßen durch Nerventransfer und Bionik - Chirurg Manfred Frey erklärte den Stand der Dinge

STANDARD: Beim vom 2. bis 4. September stattfindenden "Muscle Symposium" in Wien wird es um Bionik-Prothesen und Nerventransfer gehen. Was ist Zukunftsmusik, was Praxis?

Frey: Bei der Bionik-Prothese werden Körper und Technologie in einer neuartigen Weise miteinander verknüpft. Es geht um die möglichst komplette Wiederherstellung der Funktion verlorengegangener Gliedmaßen. Die Qualität des Verlorengegangenen lässt sich niemals vollständig ersetzen. Verbessern lässt sich die Lage des Patienten schon. Ein intelligentes technisches System allein kann das nur zum Teil lösen. Bei der Prothese arbeiten wir nicht nur daran, die Gedankensteuerung einzusetzen, sondern auch Aspekte wie Perzeption und haptische Empfindung zu verbessern.

STANDARD: Wie lässt sich diese verlorengegangene Steuerung wieder herstellen?

Frey: Elektromotoren werden über einen Computer in der Prothese gesteuert, der wie auch immer gewonnene Signale aufnimmt. Am jeweiligen Entwicklungsstadium hängt der Freiheitsgrad für den Patienten. Kann eine Handprothese nicht nur öffnen und schließen, sondern gleichzeitig auch eine Drehbewegung vollführen, ist das für den Patienten schon ein erheblicher Qualitätsgewinn.

STANDARD: Welchen Fortschritt bringt die Bionik-Prothese, an der Sie arbeiten, im Vergleich zur herkömmlichen myoelektrischen Prothese?

Frey: Bei der Gedankensteuerung bei den myoelektrischen Prothesen muss der Patient jede kleine Bewegung denken und diese dadurch auslösen. Er muss lernen, einen Muskel einzusetzen, der diese Bewegung normalerweise nicht macht. Bei einer Bionik-Prothese geht das viel schneller. Abläufe können nahezu parallel funktionieren. Durch den direkten Weg des Signals durch die Haut zum Computer der Prothese können mehrere Signale gleichzeitig etwas auslösen.

STANDARD: Wenn es um Empfinden geht, kommt Nerventransfer ins Spiel. Werden Bionik-Prothese und Nerventransfer gemeinsam entwickelt?

Frey: Nerventransfers spielen bei diesem Zugang zur Bionik eine wesentliche Rolle. Es gibt zwar auch Arbeitsgruppen, die versuchen, von der Großhirnrinde Potenziale abzuleiten, diese zu verstärken und als Steuerungssignal für eine Prothese zu verwenden. Da ist man allerdings weit weg von einer praktischen Umsetzung. Unser Weg ist ohne Frage im derzeitigen Stadium der relevante.

STANDARD: Im Zusammenhang mit Nerventransfer wird davon gesprochen, dass Nerven "ausgeborgt" werden. Was heißt das?

Frey: Wenn ein Nerven-Muskel-System keine Aufgabe mehr hat, etwa nach einer Amputation, gibt es noch Muskeln, die am Arm ansetzen. Dieser ist aber nicht mehr vorhanden. Der Muskel und der versorgende Nerv sind intakt und können als Informationsträger im Rahmen eines Rekonstruktionskonzepts "ausgeborgt" werden. Wichtige durchtrennte Nerven des Armes werden mit den versorgenden Muskelnerven verbunden, damit die ganz wichtigen Funktionen im Bereich der Hand dem erhaltenen Muskel im Bereich des Schultergürtels mitgeteilt werden.

STANDARD: Chirurgie und Technologie erarbeiten ein auf den Patienten zugeschnittenes Konzept. Wie weit weg sind sie von standardisierten Verfahren?

Frey: Das ist schwer zu sagen. Aber beim ersten Herzschrittmacher hätte man auch nicht für möglich gehalten, dass so viele Menschen damit mobil leben können. Der erste füllte an der Universität Zürich einen eigenen Raum aus. Heute ist ein Herzschrittmacher so groß wie eine Zündholzschachtel und vollständig unter die Haut implantierbar.

STANDARD: Wird am Nerventransfer auch hinsichtlich degenerativer Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson gearbeitet?

Frey: Eher nicht. Obwohl der Gedanke nicht ganz abwegig ist. Die derzeitigen Ergebnisse kommen aus der Traumatologie. Nerventransfer ist derzeit dort sinnvoll, wo ganz wichtige Funktionen völlig fehlen. Es wird nach einem zielgerichteten Rekonstruktionskonzept gearbeitet. Man hat etwa gelernt, dass die Rekonstruktionen am Nervengeflecht im Plexusbereich bezüglich Hand nicht funktionieren. Wenn die Läsion im oberen Bereich des Arms ist und Nerven in den Fingerspitzen fehlen, würde es zwei Jahre dauern, bis sich die Nerven nachgebildet haben. Während dieser Zeit degenerieren die Muskeln, und selbst, wenn die Nervenfasern bis nach unten wachsen, richten sie nichts mehr aus. Man entscheidet sich heute früh für eine operative, periphere Verbindung eines noch funktionierenden Nervs mit dem funktionslosen Nerv. Das Nerventransplantat wird am Spendernerv seitlich angeschlossen, ohne ihn durch dieses "Anzapfen" selbst zu schädigen. Die Methode hat unglaubliche Einsatzmöglichkeiten, denen noch mit Skepsis begegnet wird. (Bettina Stimeder, DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2010)

MANFRED FREY, geb. 1950, seit 1996 Ordinarius für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie an der MedUni Wien. Er ist Gastgeber des Muscle Symposiums.

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