Streit um neues Energielabel

Günther Strobl
8. September 2010, 08:02

Seit Mitte der 1990er-Jahre bietet die Buchstabenfolge A bis G Konsumenten Hilfe bei der Auswahl sparsamer Elektrogeräte. Das ab 2011 in der EU vorgeschriebene neue Energielabel stößt auf Kritik der Wissenschaft

Brüssel/Wien - Sie scheint ein Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden: die Energieplakette. Nach monatelangen Diskussionen und heftigem Tauziehen zwischen Befürwortern und Gegnern des derzeit gültigen Klassifizierungssystems waren im EU-Parlament schließlich die Ja-Stimmen für eine modifizierte Plakette in der Überzahl. 

"Die Ergänzung der Skala am oberen Ende um die Zusätze A+, A++ und A+++, wie jetzt beschlossen, verwirrt die Konsumenten mehr, als dass sie informiert", sagte Rolf Wüstenhagen vom Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen dem Standard. Folge sei, dass mit dem geänderten Label dem Energiesparen bei der Kaufentscheidung weniger Beachtung geschenkt werde als bisher.

Wüstenhagen hat gemeinsam mit Stefanie Heinzle (ebenfalls Hochschule St. Gallen) zu dem Thema eine Studie (Disimproving the European Energy Label's value for consumers? Results of a consumer survey) vorgelegt. In der Studie hat man die Wirkung der bewährten Skala A bis G mit der von der EU-Kommission vorgeschlagenen und kürzlich vom Parlament gebilligten Erweiterung am Beispiel entsprechend gekennzeichneter TV-Geräte verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die unter anderem von Verbraucherschutzorganisationen geäußerte Sorge, ein neues Labelling-System könnte weniger wirkungsvoll sein als das bestehende, berechtigt sind. So nahmen Verbraucher etwa den Unterschied zwischen A+++ und A++ in der neu vorgeschlagenen Skala als bedeutend geringer wahr als den Unterschied zwischen A und B im bestehenden System. Und das, obwohl beide Kategorien einen ähnlichen Unterschied im Energieverbrauch repräsentieren. „Die Konsumenten verstehen das einleuchtende Format des heutigen "A bis G"-Labels, während die Einführung neuer Unterkategorien wie A++ signalisiert, dass es auf die Unterschiede in der Energieeffizienz nicht so ankommt", sagte Wüstenhagen. Folge sei, dass die Konsumenten die vom Label vermittelten Informationen als weniger relevant einstufen und erst wieder nach den billigsten Geräten Ausschau halten.

Die Ergebnisse der Studie, in die Analysen von insgesamt 2244 Auswahlentscheidungen von Konsumenten eingeflossen sind, zeigen das eindrucksvoll: Bei Verwendung der „A bis G"-Skala lag die Bedeutung der Energieeffizienz für die Kaufentscheidung bei 34 Prozent, bei der "A+"-Skala hingegen nur noch bei 23 Prozent. Zugleich nahm die Bedeutung des Preises stark zu - von 35 Prozent bei der bisherigen "A bis G"-Skala auf 43 Prozent bei der neuen "A+"-Skala.

Die beim neuen System beobachtete Verschiebung der Aufmerksamkeit von der Energieeffizienz auf den Preis schlägt sich auch in der bedeutend niedrigeren Zahlungsbereitschaft der Konsumenten für energieeffiziente Geräte nieder. Waren die Befragten beim alten Klassifizierungssystem bereit, für ein energieeffizientes Produkt (Kategorie A im Vergleich zu B) 18 Prozent mehr zu zahlen, was einem Mehrpreis von 133 Euro entspricht, sind die Befragten beim neuen System (Kategorie A+++ versus A++) gewillt, maximal 49 Euro mehr zu zahlen, was einem Aufpreis von nur sieben Prozent entspricht. "Es ist uns ein Rätsel, warum die Elektronikindustrie unterstützt, was ihren ureigendsten Interessen widerspricht", nämlich Kaufbereitschaft für die innovativsten Produkte zu erzeugen", sagte Wüstenhagen.

Energiekommissar Günther Öttinger hat die Entscheidung der EU-Parlamentarier hingegen begrüßt. Die Mitgliedsstaaten und damit auch Österreich haben jetzt ein Jahr Zeit, die Richtlinie in nationales Gesetz zu überführen. (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2010)

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