Brotzeit im Babylon

9. November 2010, 15:37
Wie isst man eigentlich in Wiens nobelstem Stadtheurigen? Und wer verliert sein Herz gans und gar an den Fidler? Mit Userinnen-Umfragen zu brandaktuellen Themen

Schmeck's ist das RTL II der österreichischen Gastropublizistik, vielleicht auch das "Saturday Night Fever" (ATV, nicht Travolta): Quote um jeden Preis, ohne Rücksicht auf Geschmack, Moral und kulinarische Korrektheit. Das wissen Sie als Stammgast (jedweden Geschlechts, Stammgästin klingt aber komisch) dieser kleinen, dreckigen Kolumne natürlich längst. Auch wenn ehrbare Mitesser das Niveau hier um Welten heben. Wie Herr Hlavicka (tatsächlich in Wort und Werk, unlängst etwa "50 Ways to Love Your Liver" und andere Weltläufigkeiten). Oder wie Frau Schell oder Herr Grabenweger in Sterne sprühenden, viel versprechenden Ankündigungen. Oder wie Herr Hilberg, der immerhin für das Piemont trainieren soll. Für die GTI-sierung des Schmeck's-Niveaus sorgt dann wieder der Fidler.

Hummer und Hoden

Für Herbst 2011 hatte ich mir schon seit Jahren vorgenommen: Ich geh' ins Babylon essen. Mal was anderes, oder waren Sie schon einmal (Userinnenfrage 1) speisen in Wiens mutmaßlich teuerstem Stadtheurigen? Brotzeit im Bordell, der Titel brächte doch gewiss neue Zugriffsrekorde, mehr als jeder Hummer und alle Hoden. Den Titel würde ich natürlich nie wählen, weil ich nicht alle juristischen Feinheiten ausfechten will, ob man dazu Puff sagen kann oder eher doch nicht.

Wie komme ich überhaupt darauf, im Babylon zu essen? a) Es soll Menschen (einerlei Geschlechts) geben, die behaupten, dass man die Adresse aufsucht, weil man dort jedenfalls auch super essen kann. Das verhält sich vermutlich ähnlich wie mit dem Playboy, den man lange wegen der tollen Essays und Interviews kaufte. b) Steht auf der Internetseite ein eigener Menüpunkt "Das Restaurant", und das im guten Mittelfeld unter insgesamt neun Navigationsmöglichkeiten, gleich unter "Die Mädchen", also muss das hier eine wichtige Sache sein.

"Wie Sie selten verwöhnt worden sind"

"WIR BITTEN ZU TISCH!" lese ich auf der Seite, und: "Egal, ob Sie uns als Stammkunde, oder Erstbesucher beehren, kulinarisch werden wir Sie verwöhnen, wie Sie selten verwöhnt worden sind! Die Ihnen gereichten Speisen müssen nicht extra bezahlt werden, sie sind im Eintrittspreis enthalten. Hier hat Luxus Tradition - wir bitten zu Tisch!" Kulinarisch werden wir Sie verwöhnen, wie Sie selten verwöhnt worden sind. Wenn das nichts für eine c) Gastrokolumne ist! Wobei: Das trifft noch keine Aussage über die Qualität.

Gleich nach diesem Gedanken beginnen meine Zweifel: Das Panoramabild über diesen Verheißungen wirkt nicht so, als ob an diesen Tischchen viel gegessen wird. Über Ästhetik will ich nicht streiten, Kollege Holzer hat auch in der Innenarchitektur von Lokalen deutlich mehr Expertise. Er könnte sicher auch die gezeigten Speisen besser identifizieren. Ich Universaldilettant würde auf zwei dickere Suppen mit Fernosteinschlag tippen, einen topfigen Kuchen und etwas, das ich nicht zuordnen kann. Nun finde ich Suppen oft schwierig, und Desserts sind ja nicht so mein Fall.

"Belästigen Sie nicht mit aufdringlichen Einladungsfragen"

Der Eintrittspreis beträgt 150 Euro, inklusive Essen und Getränke, aber ohne Sekt und Champagner. Doch was anderes trinkt man sonst stimmigerweise in solchen Lokalen? Soda Zitron wäre eine Idee, aber dem Eintrittspreis nicht angemessen. Hochprozentiges wohl die zweitstimmigste Option, die würde aber vermutlich das Risiko erhöhen, dass es nicht bei der Kulinarik bleibt. Zwar verspricht die Seite: "Die Damen bedienen Sie ohne Getränkeanimation und belästigen Sie nicht mit aufdringlichen Einladungsfragen." Allein, schon der nächste Absatz lautet: "Zimmermiete: Sollten Sie sich entschließen ein Zimmer aufzusuchen, so wird kein Eintritt mehr verrechnet." Da sollten vielleicht auch gefestigte Charaktere wie ich nicht dem Schnaps zusprechen - ich war bekanntlich schon immer Preis-Leistungs-Esser.

Hier torkeln wir auf ein entscheidendes Argument zu. Nein, a) nicht die hochgezogene Controller-Augenbraue bei der Spesenabrechnung (Aha, Babylon, soso, mhm). Nein, b) nicht die Moralfrage (die fehlt Schmeck's bekanntlich weitestgehend), ob man, auch nur mit dem Eintrittspreis und einer warmen Mahlzeit, solche Unternehmungen unterstützen darf. Sondern, genau: c) die Vegetarierin. Deren Stirn macht bei meiner babylonischen Schmecks-Idee das Plissee jedes Faltenrocks zur Plattitüde. Sie zwirbelt noch ein paar Verwerfungen extra, als ich ihr eröffne, dass ich da allein durch muss - nur zwecks Schmecks-Jux zweimal 150 Euro zahlen? Sagen wir so: Ihr Vertrauen ehrt mich ungemein.

Wer sein Herz verliert - und wer es isst

Ein paar kulinarische Alternativen gibt es ja noch mit einem Budget von jedenfalls 150 Euro. Ich kann, hier aus eigener, ofenfrischer Anschauung, empfehlen (und das Budget teils deutlich unterschreiten): Gans bei Familie Sodoma. Gansleber, garantiert ungestopft, aber prachtvoll. Geräucherte Brust mit Apfel-Zeller-Salat, für manche spielentscheidend, und saftigste Brust und Keule vom Saisonfedervieh. Und zwei auch sehr schöne vegetarische Gänge.

Oder, ehrlich herrlich: Gansherzen auf Erdäpfelpüree sowie  Damhirschfilet, beide mit jeweils prachtvoll kräftiger Sauce und, gerade Thementage, rotem Zwiebel beim Floh. (Jetzt einmal abgesehen vom (jedenfalls 2009 erprobt) wunderbaren Ganslbruckfleisch bei Vikerl in 1150 (nicht 1050, danke) - wo gibt's eigentlich die Nieren von der Gans, und wie sind sie (Userinnenfrage 2 und 3)).  Die Vegetarierin besteht darauf, zu erwähnen, dass ihre Frischkäseterrine mit roten Rüben beim Floh selbst für Roterübenverächterinnen wie sie wunderbar war und erst der "Novembernebel" - Zeller, Spinat, Griesknödel.

Man kann natürlich mit zweimal Eintritt auch fleischlich wie fleischfrei verdammt gut im Novelli essen, aber das wissen Sie als Stammgäste dieser Kolumne ohnehin, daher erspare ich Ihnen einen weiteren Link zu dieser Eloge.

Warum jetzt?

Bleibt eigentlich nur eine Frage offen: Warum war der babylonische Bericht für Ende 2011 geplant? Nein, keine Userinnenfrage, das wäre zu einfach. 2011 wird Schmeck's fünf Jahre alt (wenn ich Universaldilettant mich nicht verrechnet habe). Da muss man schon etwas besonders Eigenwilliges bieten. Und warum jetzt, quasi aus aktuellem Anlass? a) Stehen wir praktisch vor der Hochsaison im horizontalen Gewerbe, wie einschlägig Erfahrene behaupten - der Vorweihnachtszeit. Also ein besonders aktuelles Thema. b)  Ungeduld ist mein zweiter Vorname. c) Worauf warten, wenn ich's eh nicht am eigenen Leib testen will?

Fidler hatte noch nie Genua! 

PS: Hier noch eine noch viel ernstere und dringliche Userinnenfrage 4: Wer hat (kulinarische!) Empfehlungen für Genua? a) Isst man an Italiens größtem Hafen trotzdem Fisch oder besser doch Cima alla Genovese oder Kaninchen? b) Osterie lieber als Veronelli, wenn sie gut sind. c) Sonntagabend oder Montagmittag offen. Nicht zu weit vom (eh weitläufigen) Zentrum. Danke!

 

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

Lokaltester Schmeck's

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