Unter keinen Hut

3. Februar 2011, 16:54

Zwei Meere und ein Doppelkontinent treffen in Panama aufeinander. Robert Haidinger berichtet über ein kleines Land mit großem Potenzial

Lächerlich ist vielleicht nicht das richtige Wort. Generationen von panamesischen Bauern, die sich unter der hochgestülpten Krempe den Schweiß aus der Stirn wischen mussten, haben sich eine bessere Nachrede verdient. Sagen wir also einfach: Durch und durch bäurisch wirken die verbreiteten Hüte der Herrero- Provinz. Aber Bananenernte ist auch in Panama Knochenarbeit, und genau den Clinch mit der harten Staude muss der echte Panamahut abpuffern können. Das und die Scheiße der goldenen Quetzal-Vögel im Geäst der ja nie wirklich weit entfernten Urwaldriesen. Und ab Mai: Panamas sagenhafte Wassermassen. In wahren Sturzbächen prasseln sie dann herunter und füttern den berühmtesten Kanal der Welt mit Wasser und Dreck.

Keine Ahnung, ob die Vorfahren der hier verstreuten lebenden Guayami-Indianer Hüte trugen. Die Leute in der Gegend von Penonomé tun es jedenfalls: schwarz und strohgelb geringelte, aus einzelnen Reifen zusammengenähte Geräte ab zehn Dollar. Um elegante Modelle mit weit nach vorn gezogener, cremefarbener Krempe, ideal für den weiten Finanzhorizont und das mittägliche Privatpensions-Nickerchen - alles Eigenschaften, die den aus Ecuador stammenden, aus feinem Toquilla-Stroh gewobenen Klassiker charakterisieren -, handelt es sich beim ländlichen Ur-Panamahut jedenfalls nicht.

Doch wenn sich Herreros Bauern bücken, müssen sie mehr sehen als eine schicke Krempe vor der verschwitzten Stirn. Auch deswegen hat der echte Panamahut den eher uncool nach oben gekippten Rand. Deswegen auch die steife, ja fast grobe Machart - und die runde, eimerartige Fasson, die Köpfe in plumpe Kugeln zu verwandeln droht, aber die zugleich gegen alle Richtungen schützt. Die härtesten der Bellota-Faser-Hüte taugen als Wasserschöpfgefäße - und beschatten gelegentlich sogar Polithäupter. Bei den letzten Präsidentenwahlen tauchten sie jedenfalls als volksnahes Requisit auf.

Ganz Panama geht unter zwei Hüte: unter die flamboyante Krempe des importierten Luxusmodells, von jeher Symbol für Müßiggang, und den steifen Palmstroh-Reindling der Bauern. Ergibt in Summe ein Land wie eine Straßenkreuzung. Zwei Meere und ein Doppelkontinent treffen hier aufeinander. Vor allem aber die diversen Restposten einer überwiegend fremdbestimmten, erst von Spanien, dann von Kolumbien und den USA bestimmten Geschichte: versprengte Indios, Amis im legendären Blütenhemd, altes und erst recht viel junges Geld. Container-Frachter aus aller Welt, HipHop und katholische Orgelmusik, und zur Abrundung eine obskure Währung, den Balboa, den es bestenfalls als Wechsel- und Kleingeld gibt - so wie viele andere Randnotizen einer sonderbar verwischten Identität.

Dieses Gefühl stellt sich in Panama wie von selbst ein. Die von dubiosen Finanzgeschäften, vom eiligen Beton-Spiegelglas-Domino der Investment-Mafia geblähte Hauptstadt, bietet da bloß einen ersten Eindruck. Doch zugleich gilt Panama als Patchwork mit Zukunftspotenzial: etwa gleich groß wie Österreich, drei Millionen bilinguale Einwohner (Spanisch und Englisch) und 940 Vogelarten, ein Drittel des Landes unter der Armutsgrenze, der Rest unter Steueramnestie, 1518 vorgelagerte Inseln, unter denen das San-Blás-Archipel der Kuna-Indianer gerade als Strandparadies mit Robinson-Romantik-Faktor Furore macht, knapp die Hälfte des Landes von ebenso dichten wie schnell schwindenden Wäldern überzogen (lediglich ein Viertel der Landesfläche ist geschütztes Terrain), dazu die quietschgrüne Quadratur des Chiquita-Clans und himmelblaue Heilige in verstaubten Kathedralen - Panama ist eine Bananenrepublik wie aus dem Bilderbuch - dessen abgegriffene Seiten allerdings irgendwie durcheinandergeraten sind.

Bagger für das Beach-Resort

Wer Panama-Citys Glitzern hinter sich lässt, damit auch den Charme der verfallenden Altstadt-Grandezza Casco Viejos, und wer etwas später, am Nadelöhr des Panamakanals, nämlich der Miraflores- Schleuse, tonnenschwere Frachter wie rostige Badewannenenten treiben sieht, der kann auch die Wunden des Wirtschaftens sehen. Von Baggern aufgewühlte Pazifikstrände und Beach-Resorts in spe laden Pauschalurlauber auf dem Weg zur traditionellen Herrera-Provinz dazu ein. Und an den Straßenrändern der hier verlaufenden Interamericana die "Super 99"-Enklaven des amtierenden Staatspräsidenten Ricardo Martinelli. Ein Supermarktkönig, der nebenbei in Banken macht und der seit 2009 den Staatspräsident zum Politdiskont gibt - auch das gehört zum heutigen Panama-Dschungel dazu - aber eben nicht nur. Denn da wäre ja auch noch jene Überdosis Natur, die das kleine Land zu einer zunehmend beliebteren Öko-Destination macht.

Das historische Gebiet im Westen von Panama-Stadt wird diesem Ruf locker gerecht. Wasserfälle zwischen steilen Urwaldflanken, etwa die 85-Meter-Dusche des Chorro El Macho, finden sich am Ende schmaler, oft nur per Allrad passierbarer Nebenstraßen. Und Flecken wie La Piedra Pintada, die "gefärbelten Steine", Petroglyphen, die im steilen Halbschatten der Regenwaldhänge an die Ära der präkolumbianischen Kulturen erinnern. Kaum weniger bunt fällt das koloniale Erbe der Städte Chitrè, Los Santos oder Ocú aus - verschlafene Provinznester der bergigen Azuero-Halbinsel, in denen der panamesische Alltag um katholische Prozessionen und die sonntägliche Portion von Ropa vieja kreist, die - wörtlich - "alten Fetzen" von gezupftem Rindfleisch.

Folgt man dem Verlauf der Zentralkordilleren in westlicher Richtung hin zur costaricanischen Grenze, so tauchen im Chiriqui-Hochland weitere Facetten einer vielfältigen Region auf. Die von Kaffeeplantagen gesäumte Gartenstadt Boqeute punktet da mit angenehm kühlem Klima und Chalet-Architektur, bietet Rafting-Touren, Pferdetrekking und Wanderungen am Rande erloschener Vulkankegel - am spektakulärsten zum 3478 Meter hohen Volcán Barú.

Unverschämt grün, dröhnend still, spärlich besiedelt fällt aber auch die Weiterreise entlang der einzigen Stichstraße zur Karibikküste aus. Und so kalt-warm, wie Panama seine Besucher von jeher erwischt. Da wäre, am Ende einer spektakulären Küstenstraße, das Kaff Changuinola: versiffter Nabel des Chiquita Country, Neon-Spinne im Plantagenwege-netz, Nadelöhr für Bananencontainer, Schweiß und Hoffnung, zugleich Endstation der legendären "Banana Railway". Und ein Stück Panama, das die meisten Besucher der Region in der Regel bloß von oben sehen - reisen die Gäste der Nationalparkinseln des vorgelagerten Bocas-del-Toro-Archipels in der Regel per Inlandsflug an.

Panamas beliebteste Badedestination verströmt, neben viel karibischem Charme zwischen Stelzenhäusern, auch das satte Gefühl von erfolgreichem Beach-Business in Pastell: Kanufahrten durch Mangroven, stille Badeinseln, Sambanächte sind ein Teil davon. Und rote Minifrösche im Gurkenglas, die die Kinder der Isla Bastimentos quer über die Nationalparkinsel tragen. Der dazugehörige Playa Rana Roja - einst idyllische Heimat der roten Froschart Oophaga pumilio - zählt längst zu Bocas del Toros Bikini-Biotop. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Rondo/04.02.2011)

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