Süß

Saccharinspritzen in Aktion

Ich weiß nicht was soll es bedeuten, aber seit etlichen Wochen konstatiere ich ein penetrant vermehrtes Vorkommen des Wortes "süß" in unseren Bullewar-Blättern. Saccharinspritze Nummer Eins ist "Heute" - "Die Kleine (Tochter von Tobias und Julia Moretti, Anm.) hört übrigens auf den Namen Rosa Cäcilia. Süß!" -, aber noch viel picksüßer gibt sich "Österreich" (die Zeitung, nicht das Land), wo es praktisch keine Ausgabe mehr gibt, über die nicht der verbale Zuckerstreuer ausgegossen wurde: "Die Verlobte von Prinz William zeigt ihre süßen Kinderfotos";"„Das war der Opernball: Tolle Stimmung, tolle Stimmen, süßes Lugner-Luder"; "Kohl wird im Juli Papa: Das Ex-Rad-Ass und seine Tatjana lüften süßes Geheimnis"; "Die süße Nadine setzte sich mit 34,95 Prozent an die Spitze" und so weiter und so fort. Da müssen ganz Süße am Werk sein - wobei mir als altem Spielverderber regelmäßig schlecht wird, wenn mir ungefragt derartige publizistische Zuckerstöße verabreicht werden. Ich muss nur "die süße Nadine" lesen und verspüre sofort das dringende Bedürfnis nach einem doppelten Schnaps. Doch wie auch immer: Meine süßen Leserinnen und Leser haben sicher auf der Stelle überzuckert, dass sie da jemand mit dem Anserschmäh anstrudelt. Ich bitte höflich um ein paar gallige Wortspenden zum Thema "süß".

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

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