Welt

Zurückhaltende Österreich-Rhetorik

Was ich an Österreich (der Zeitung, nicht dem Land) so überaus schätze, ist seine bedachte, zurückhaltende, immer um Augenmaß bemühte Wortwahl (Obacht, das war jetzt ironisch gemeint!). Nach dem Ableben des supersüßen Berliner Eisbären Knut titelt das Blatt folgendermaßen: "Welt weint um Eisbären". Hier stellt sich natürlich die Frage, warum sich Österreich als notorisch großmäulige Zeitung, die sich ansonsten ungeniert den Namen ihres Erscheinungslandes unter den Nagel reißt, mit derart engen Begriffen wie "Welt" oder "Weinen" zufrieden gibt. Dabei könnte man doch viel besser schreiben: "Tod des Eisbären erschüttert Universum" oder "Nach Knuts Tod wankt Kosmos in seinen Grundfesten". Aber nein, der schockierte Österreich-Leser wird einer mageren "Welt" abgespeist. Da könnte doch glatt der Eindruck entstehen: Vielleicht steht nicht nur die Welt, sondern auch Österreich nimmer lang.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
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