Landschaftspflege

Sprachlich behübschte Beeinflussung

Es gibt nette Wege, unnette Dinge zu sagen. Anstößige, tabuisierte, verdrängte Dinge zu benennen. Diese Art der sprachlichen Beschönigung nennen wir "Euphemismus". "Dahingeschieden" hört sich freundlicher an als "gestorben", "transpirieren" klingt appetitlicher als "schweißeln" und "zu tief ins Glas schauen" klingt zivilisierter als "sich ansaufen wie ein Häusltschick". Die unter der Fahne der politischen Korrektheit dahinsegelnden Sprachartisten haben diese Art von Wortverwendung zu einem regelrechten gesellschaftspolitischen Anliegen gemacht: Niemals "dick" sagen, sondern stets "horizontal herausgefordert"!

Hier ein Beispiel für ein seit langem existierendes, aber momentan wieder brandaktuelles Hüllwort aus dem politischen Bereich: Im Zusammenhang mit der Affäre um den 100.000-Euro-Mann Ernst Strasser bin ich auf das Wort "Landschaftspflege" gestoßen. Landschaftspflege meint nicht nur "die landschaftsbauliche Umsetzung im Rahmen der Landschaftsplanung festgelegten Ziele zu Bewahrung und Gestaltung von Natur und Landschaft" (Wikipedia), nein, "Landschaftspflege" ist auch die planmäßige Beeinflussung von politischen Entscheidungsträgern durch Zuwendungen aller Art, bis hin zur eindeutigen Bestechung. Hier ein paar Beispiele für die Verwendung des Wortes: "Ohne diese Art 'politischer Landschaftspflege' haben große Unternehmen kaum Chancen auf Staatsaufträge." (Handelsblatt) "Dass im Müllgeschäft seit Jahren kaum ein Auftrag ohne 'Landschaftspflege' oder ,Beatmung' läuft, ist in der Branche ein offenes Geheimnis." (Spiegel). "Politische Landschaftspflege vor allen in Wahljahren: Transparency Deutschland rügt die Parteispenden des Glücksspielkonzerns Gauselmann an Abgeordnete." (Süddeutsche Zeitung).

Der Zufall hat es so gewollt, dass die ersten paar Zitate, die ich mir herausgegoogelt habe, alle aus deutschen Zeitschriften stammen und sich auf deutsche Affäre beziehen. Keineswegs will ich damit zum Ausdruck bringen, dass "Landschaftspflege" nur in Deutschland Usus sei. Nach den jüngsten Strasser-Videos glaube ich vielmehr eindeutig das Gegenteil.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbetenan christoph.winder@derStandard.at

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