Wer Android "hacken" will, braucht das richtige Smartphone

Andreas Proschofsky
8. Mai 2011, 15:19
Manche Mobitelefone machen "rooten" und Co. ganz leicht, andere praktisch unmöglich

Selbst wenn Google bei Android keinerlei Beschränkungen für die Installation von Dritt-Software aufstellt - wie es etwa bei Apple mit der Zwangsanbindung an den App Store der Fall ist - Motivationen das eigene Mobiltelefon zu "knacken" sind auch hier in mannigfaltiger Form gegeben. Manche NutzerInnen wollen ihrem Gerät neue Tricks beibringen, für die ein uneingeschränkter, sogenannter "Root"-Zugriff nötig ist, andere wiederum wollen hingegen gleich ein alternative Firmware zum Einsatz bringen.

Zweites Leben

Verlockend ist der Griff zum Dritt-Android nicht zuletzt für jene, die ein Smartphone ergattert haben, das vom Hersteller nur schlecht - oder gar nicht mehr - mit Updates versorgt wird. Die Community ist bei Softwareaktualisierungen meist nicht nur schneller, es werden oftmals auch noch Geräte unterstützt, die der Hersteller schon abgehakt hat - womit diesen eine Art zweites Leben eingehaucht werden kann. Zudem gibt es natürlich auch noch jenen Teil der NutzerInnen die einfach gerne mit ihren Geräten experimentieren, sowie jene, die die all zu oft wenig erklecklichen Hersteller- und Netzbetreiber-Erweiterungen loswerden wollen.

Die richtige Wahl

Wer den späteren Wechsel zu einer Dritt-Firmware nicht gänzlich ausschließt, sollte allerdings schon beim ursprünglichen Kauf eines Smartphones mit Bedacht zu Werke gehen. Gibt es in der Frage, welches Gerät sich einfach "knacken" und mit alternativer Systemsoftware bespielen lässt, doch massiver Unterschiede. Wo solch ein Schritt bei manchen Geräten recht rasch erledigt ist, ist bei anderen schon das "rooten" ein mühsamer und durchaus mit einigen Risiken verbundener Akt - oder gleich gar nicht möglich.

Auflistung

Unter diesem Blickpunkt hat man bei unrevoked aktuelle - und nicht mehr ganz so aktuelle - Smartphones kategorisiert, um so entsprechend geneigten KonsumentInnen die Kaufentscheidung zu erleichtern. An der Spitze der Liste stehen dabei - nicht sonderlich überraschend - die von Google selbst angebotenen Smartphones der Nexus-Linie. Sowohl Nexus One als auch Nexus S lassen sich über einen eigenen Befehl (oem unlock) für weitere Modifikationen freischalten. Erfreulicherweise gilt dies für alle Varianten der beiden Smartphones also auch jene, die direkt über den Mobilfunkbetreiber vertrieben werden. Google betreibt diese Form der Wahlfreiheit recht offensiv - und versucht entsprechend schon mal andere Hersteller durch Stellungnahmen von den Vorteilen eines solchen Ansatzes zu überzeugen.

Offene Herangehensweise

Neben des alternative Firmware erst ermöglichenden Umstands, dass weite Teile von Android als Open Source verfügbar sind, unterstützt Google auch sonst entsprechende Entwicklungen zumindest indirekt. So bietet man mittlerweile auf einer eigenen Seite alle im Nexus S verwendeten, proprietären Treiber einzeln zum Download an. Bei all dem muss aber natürlich angemerkt werden, dass bei bei den Google-Geräten ohnehin ein entscheidendes Argument zum Umstieg auf alternative Firmware wegfällt. Werden diese doch typischerweise wesentlich früher - und regelmäßiger - als die Geräte anderer Hersteller mit Updates beliefert.

Überraschung

Gleich hinter Google folgt ein Herstellername, den wohl noch vor einigen Wochen nur wenige an dieser Stelle vermutet hätte: Sony Ericsson. Denn während beispielsweise das Xperia X10 bis heute nicht geknackt ist, hat sich der Hersteller mit der aktuellen Smartphone-Generation entschlossen dem Beispiel von Google zu folgen. Auch bei Xperia Arc, Play und Konsorten lässt sich der Bootloader offiziell entsperren, die zugehörigen Informationen bietet das Unternehmen auf einer eigenen Seite an.

Warnung

Dabei vergisst man natürlich nicht, eindringlich auf die Konsequenzen eines solchen Tuns einzugehen, geht doch durch das Rooten und Flashen mit Dritt-Firmware unter Umständen die Garantie verloren. Insofern rät man allen NutzerInnen, die nicht wirklich genau wissen, was sie hier tun, vom Unlock ab. "Normale" UserInnen seien mit der Original-Firmware ohnehin besser bedient, zeigt sich das Unternehmen überzeugt. Als weitere Komplikation sei angemerkt, dass der "Unlock"nur bei "freigeschaltet" gekauften Smartphones von Sony Ericsson garantiert funktioniert - bei den Betreiber-gebrandeten Geräten hängt dies nämlich auch noch vom Goodwill des jeweiligen Anbieters ab.

Geek-Variante

Vor allem für jene, die ein kostengünstiges Android-Smartphone suchen, mit dem sie nach Belieben experimentieren können, könnte das "Geeksphone Zero" von Interesse sein.  Die Hardware kann zwar nicht ganz mit den meisten anderen aktuellen Android-Telefonen mithalten, dafür gibt es das ausschließlich online vertriebene Geeksphone auch schon um 190 Euro.

Freundlich

Was folgt ist die Kategorie jener Smartphones, die zwar keinen offiziellen Unlock-Support aufweisen, aber recht einfach zur Mitarbeit in Root-Fragen zu bewegen sind. Neben diversen älteren - und nicht mehr offiziell vertriebenen - HTC-Modellen wie Hero, Magic und Dream (T-Mobile G1), gehört dazu vor allem das gerade in Europa und Asien sehr erfolgreiche Galaxy S von Samsung. Ebenfalls als recht Hacking-freundlich erweist sich das ZTE Blade / Orange San Francisco, das auch hierzulande bereits um ca. 150 Euro verkauft wird - und sich gerade aufgrund dieses relativ niedrigen Preises großer Popularität erfreut.

Vermischtes

In Europa bisher weniger verbreitet sind das Dell Streak und das noch recht neue Dual-Core-Smartphone LG Optimus 2x. Auch diese beiden listet unrevoked jedenfalls in der Liste der vergleichsweise einfach zu knackenden Geräte auf.

Bad Phones

Umgekehrt gibt es aber natürlich auch jene Smartphones, vor deren Kauf man Root-interessierte NutzerInnen ausdrücklich warnt. Zu den Herstellern, die sich in dieser Hinsicht einen besonders negativen Ruf eingehandelt haben, gehört fraglos Motorola. Mit dem Motorola Milestone, das im Gegensatz zu seinem US-Pendant, dem Droid, einen gesperrten Boot-Loader besitzt, hat man zahlreiche KonsumentInnen verärgert, wie auch in Online-Foren regelmäßig nachgelesen werden kann.

Eingeschränkt

Dies hält Motorola allerdings nicht davon ab, den eigenen Geräten weiterhin möglichst umfangreiche Beschränkungen aufzuerlegen. So gibt es zwar auch bei aktuellen Smartphones des Herstellers "dank" Sicherheitslücken immer wieder die Möglichkeit Root-Zugriff zu erlangen und auf diesem Weg die Software anzupassen. Eine vollständig andere Firmware verhindert allerdings der Umstand, dass der Kern des Systems nur geladen wird, wenn er vom Hersteller digital signiert ist. Die Community versucht diese Beschränkungen zwar mit viel Fantasie zu umschiffen, die selben Freiheiten wie bei den zuvor erwähnten Geräten erhält man hier aber nicht.

Hoffnungen

Für die Zukunft bleibt in Fragen Motorola ein gewisser Hoffnungsschimmer: Nachdem die Proteste der Community über die restriktive Android-Politik des Unternehmens immer lauter wurden, hat man unlängst ein Umdenken angekündigt. In einer aktuellen Stellungnahme heißt es, dass man ab Ende 2011 das Unlocken des Bootloaders bei den eigenen Smartphones offiziell unterstützen wolle - wie es beim Android-Tablet Xoom ja schon jetzt der Fall ist. Bleibt abzuwarten, ob das dann auch wirklich alles so umgesetzt wird, wie jetzt versprochen.

HTC

Bei all der diesbezüglichen Kritik an Motorola geht beinahe schon etwas unter, dass Konkurrent HTC hier kaum besser agiert. Die aktuellen Smartphones des Unternehmens bedienen sich gleich mehrerer Methoden um sowohl einen dauerhaften Root-Zugang als auch weitergehende Modifikationen der Softwareausstattung zu verhindern. So erweisen sich zum Beispiel Desire S und Incredible S als reichlich unfreundlich für HackerInnen, etwas besser ist - aufgrund der Bemühungen der Community - mittlerweile die Situation bei den letztjährigen Modellen wie Desire Z oder Desire HD, die mit dem Tool gfree dauerhaft geknackt werden können.

Disclaimer

Zum Abschluss sei noch einmal darauf hingewiesen, dass auch bei den "Root"-freundlichen Geräte solche Modifikationen nur von NutzerInnen vorgenommen werden sollten, die sich über die damit verbundenen Gefahren bewusst sind, und die das nötige Fachwissen haben. Zwar gibt es bei einigen Geräten die Möglichkeit, sie über Spezialtools der Hersteller (etwa bei Samsung und Motorola) wieder in den Auslieferungszustand zu versetzen bzw. die Original-Firmware frisch aufzuspielen. Trotzdem besteht bei solchen Eingriffen ins System immer die Gefahr ein Smartphone in den viel zitierten "Ziegelstein" zu verwandeln, der dann im besten Fall noch als Briefbeschwerer taugtz.

Weiterlesen

Konkrete Anleitungen zum Knacken einzelner Smartphones versammelt beispielsweise das Wiki des CyanogenMod-Projekts, das ja selbst ein sehr erfolgreiches Community-Android für diverse Smartphones zusammenstellt. Für HTC-Geräte empfiehlt sich zudem die Software unrevoked3/unrevoked forever, die unter Windows, Linux und Mac OS X genutzt werden kann, und recht einfach den Root-Zugang bei ausgewählten Modellen des Herstellers ermöglicht. (apo, derStandard.at, 08.05.11)

 

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