Marlene Streeruwitz: Wenn Sie mich fragen ...

6. Mai 2011, 19:14
... dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die ganze Sache mit den Frauen und der Frage, wie sie leben sollen, ganz neu aufzurollen

 Muttertage als symbolische Abspeisungen sind dafür ein besonders richtiger Zeitpunkt.

Die Mutter als gesellschaftliche Institution. Die gibt es seit der Scheidungsrechtsreform 1978 in Österreich nicht mehr. Damals wurde beschlossen, dass nach der Scheidung für das Kind bezahlt wird und nicht für die Arbeit der Mutter. Eine Frau bekommt seit damals für die Arbeit als Mutter keinen Unterhalt. Mutter zu sein. Das wurde damals Privatsache. Das war damals ein Wunsch der ÖVP. Männer, wurde von der ÖVP argumentiert. Männer werden von den Frauen ausgebeutet, die Kinder nur bekämen, um sich zu versorgen. Dem musste ein Riegel vorgeschoben werden. Und weil die Frauen damals annehmen mussten, dass es für sie nun in der Geschichte aufwärtsgehen würde. Deshalb waren die linken Frauen für das, was die rechten Männer sich wünschten: Die Unabhängigkeit der Frauen, sich über ihre Versorgung selbstständig Sorgen machen zu dürfen.

Mittlerweile sind die Mütter zu Bräuten des Staats verstaatlicht und bekommen Taschengeld. Das wird Kindergeld genannt, geht aber nicht über die Anzahl der Kinder zu steigern. Auch der österreichische Staat hat Angst, dass Frauen nur Kinder kriegen, um sich zu bereichern. Anders als bei den auf ähnlich unauffällig informelle Weise verstaatlichten Banken wird bei den Kindergeldbezieherinnen aber genau abgerechnet. Die Kindergeldbezieherin muss stets mit Rückzahlungsforderungen rechnen.

Die Rechtsverhältnisse eines Staats gehen aus den Machtverhältnissen hervor. Wer die Macht hat, der kann seine Wünsche durchsetzen und in den Rechtsverhältnissen als Lebensrealität erzwingen. Im Familienrecht in Österreich hat das stattgefunden, was wir auf allen Ebenen dieses Staats vorfinden: der Rückzug der Männer aus jenen Bindungen, durch die Gesellschaft hergestellt wird. Es ginge ja darum, die Rechtsverhältnisse so zu gestalten, dass die einzelne Person über ihre Rolle jeweils über die Gestaltung der Beziehungen in Verhandlung treten muss und dass dabei Vertragssicherheit garantiert wird. Das bedeutet ganz einfach, dass man oder frau Abmachungen mit man oder frau machen und sich auf die Erfüllung dann verlassen kann. Das müssen Beziehungen zwischen Personen sein. Am Kindergeld können wir deutlich sehen, wie sich keine Beziehung zu einer Staatlichkeit herstellen lässt. Vor allem aber, wie Lebenspläne, die auf dieses Taschengeld mittlerweile zurückgreifen müssen, noch viel schneller durch Veränderungen zerstört werden können als durch die Aktionen eines Kindsvaters etwa. Der Taschengeld bezahlende Staat kann sich jeden Tag für neue Regelungen entscheiden. Das wird dann nicht Untreue oder Treulosigkeit genannt werden. Das wird Politik genannt. Politik kennt Verpflichtetheit nicht. Das kann sie in dem Ausmaß einer privaten Beziehung gar nicht und soll das auch nicht.

Aber hierzulande ist Politik mit den Männerwünschen gleichzusetzen. Diese Männer können dann auch Frauen sein. Geschlecht ist in der Politik nur Macht oder Nichtmacht. Die Männerwünsche sind so selbstverständlich eingeschlossen, dass Innenministerinnen ihre Geschlechtsumwandlung nicht einmal bemerken müssen.

Die österreichische Politik bezahlt den Müttern ein Taschengeld und nimmt den Männern damit die Verantwortung für ihre Familie ab. Die österreichische Politik wird das Bundesheer abschaffen und den Männern damit die Verantwortung für ihren Staat ersparen. Im Lebensarbeitszeitdurchrechnungszeitraum hebt die österreichische Politik jede gesellschaftliche Beziehung auf und schafft das Geschlecht ab. Versorgung ist Einzelpersonsache. Vorsorge ebenso. Die gesellschaftliche Institution Ehe wird eine anspruchslose Verbindung, die gerade noch für das Event Hochzeit gut ist.

Die Einzelpersonpolitik beginnt aber nicht mit einer Neuverteilung der Macht. Weder wirtschaftlich noch auf der symbolischen Ebene wird über eine Neuverteilung der Macht verhandelt. Die Frauen. Und vor allem die Frauen mit Kindern, die wir nicht mehr Mütter nennen wollen, weil es diese Institution ja schon längst nicht mehr gibt. Die Frauen mit Kindern also. Die existieren als Kategorie, nur solange sie Kindergeld beziehen. Danach ist alles ihre eigene Schuld. Die Mühsal, dass kein Mensch sich über diese Kinder mitfreut. Das Erlebnis der Ablehnung, dass es diese Kinder gibt und sie sicht- und hörbar sind. Das ewig anzutreffende Unverständnis, dass Kinder eine eigene Zeitrechnung brauchen und nicht in die Zeittafeln der Effizienz eingepasst werden können. Die lebensbegleitende Sorge um diese neuen Personen. Die Freude, wie die Beziehung zu diesen neuen Personen entsteht und wächst. Das alles bleibt nach den Rechtsverhältnissen im privaten Raum der Frau mit Kind. So wie die 75 Prozent vom Lohn. Wie das Drittel weniger Einkommen als junge Akademikerin. Wie all diese vielen Benachteiligungen im Berufsleben, die sich am Ende unwiderrufbar zur niedrigeren Pension zusammenfügen. Die Frauen. Die Frauen mit Kindern. Sie haben ein wunderbares, aber entbehrungsreiches Leben. Manchmal werden sie das mit einem Partner teilen können. Dann ist das die Leistung dieses Partners, und wir mögen ihn alle sehr dafür. Die Norm ist das aber nicht. Denn. Die Wünsche des österreichischen Manns an die Politik sind alle erfüllt. Der Mann. Er kann öffentlich und anerkannt jede Verantwortung von sich weisen. In der Weise des Allanspruchs des sehr kleinen Buben bekommt er jeden Raum zugestanden.

Wunderbares Rollenmodell

Das wäre alles noch nicht endgültig schlimm. Es könnte ja immer noch eine gesellschaftliche Konvention geben, die neben der Politik Verhaltensvorschriften vermittelt. Der treusorgende Mann, der Verantwortung teilt. Vor allem in den bekanntlich nicht immer guten Zeiten. Womit die Freude verdoppelt und das Leid halbiert werden kann. Dieses wunderbare Rollenmodell. Das gibt es nicht. In der Vernichtung der linken Lebensmodelle wurde dieser zugewandte und mittragende Mann mitvernichtet. Die postbürgerlichen Modelle taugen schon gar nichts. Ein Vizekanzler, der hinschmeißt und nicht einmal den Versuch einer verantwortungsvollen Übergabe unternimmt. So sehen die Wutanfälle des sehr kleinen Buben dann in groß aus. Männer, die sich aus Europamandaten Rollen wie in C-Movies der 40er-Jahre basteln und das nicht einmal auf der Seite der Guten und dabei schlechtes Englisch verwenden. Der österreichische Mann hat seine Wünsche erfüllt und damit alles verloren. Es gibt keinen Grund mehr für ihn. Er kann ja nicht einmal mehr irgendeine Rolle spielen. Er selbst hat die Gesellschaftlichkeit abgeschafft, die ihm irgendeine und hoffentlich neue Rolle ermöglicht hätte. Weil es nun aber gar nichts mehr gibt, kann auch nichts Neues entwickelt werden.

Deshalb reden wir gleich wieder nur über die Frauen. Hier. In Österreich. Sie müssen diese Selbstabschaffung des Manns leben. Das ist bitter. Alles, was da bleibt, sind Kirchen- und Medienlügen von der Liebe und vom Leben. Und deshalb in Lebensentscheidungen. Da kann nur die äußerste Härte das Leben absichern. Also. Privatrechtliche Absicherung. Verträge schließen. Versorgung und Vorsorge voranstellen. Planen. Klug und kalt planen. Wenn der Staat keinen geschützten Raum für die Lebensgestaltung Familie durch Vesorgungsansprüche zur Verfügung stellen will, dann muss das von jeder einzelnen Frau hergestellt werden. Sie als Einzelperson muss die Antwort auf die Frage geben, ob sie sich zumutet, mit diesem Staat ein Kind zu bekommen und damit die Chance, im Alter zu verarmen, deutlich zu vergrößern.

Damit wird ja auch ihre Chance vergrößert, einmal in einem möglichst billigen Altersheim dieses Stück Muttertagstorte essen zu müssen, das zur Jause serviert wird. Zum Dank. Für die Mütter. Und ein Schulchor singt ein paar Lieder. Die Torte kann nicht einmal gleich gegessen werden und muss auch hier noch durch vorgetäuschte Gefühle verdient werden.

Der österreichische Mann ist nun aber auch vom Kampf entbunden. Der österreichische Mann hat auch das Ziel aus den 70er-Jahren erreicht. Er kann machen, was und wie er will. Der Staat wurde zum Hausvater gemacht und hat die männlichen Aufgaben übernommen. Die Frauen leisten sie. Müssen sie leisten, wenn sie ein Leben haben wollen.

Der österreichische Mann hat alles erreicht. Seine Lasten und Verpflichtungen sind hinter den Rechtsverhältnissen verschwunden. Er muss nichts mehr von sich verlangen. Er kann nicht mehr ausgebeutet werden und muss nicht mehr kämpfen. Die Auflösung jedes Männlichkeitskonzepts kommt von rechts. Das passt mit der Herkunft der Vorstellung des entbundenen Mannes des Nationalsozialismus zusammen. Aber. Eine Verdrehung der Macht der Geschlechter findet genau in dieser Auflösung statt. Die Frauen werden es lernen. Bis sich das wiederum niederschlägt, steigt Männlichkeit ab. Auf der Repräsentationsebene geht es den Männern schon recht elend, wenn sie in der Werbung ihr Innenleben mit Bier reinigen, mit den Seelen baumeln oder Frucadeflaschen durch Erniedrigung erwerben. So ging es den Frauen mit ihrem Bild in den 60er- und 70er-Jahren. Wir haben uns gewehrt und neue Lebensentwürfe entwickelt. Den Männern hierzulande ist das Geld geblieben und die Macht. Damit lässt sich nur Prostitution kaufen. Und welche will das. Ohne Vertrauen. Ohne Fürsorge. Ohne Liebe. Denn. Alle Männer haben es akzeptiert. Es ist uns kein Mann aufgefallen, der gesagt hätte, dass er sich das alles mit seiner Partnerin oder seinem Partner ausmachen will. Stillschweigend wurde der alte Familienvater an den Staat abgegeben und keine neue Form versucht. Am Ende ist es doch allen lieber, die Verantwortung abgeben zu können und ein kleiner Bub bleiben zu können.

Fortsetzung folgt: www.marlenestreeruwitz.at
(DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.5.2011)

Marlene Streeruwitz, geboren in Baden bei Wien, studierte Slawistik und Kunstgeschichte und arbeitete als freie Texterin und Journalistin. Literarische Veröffentlichungen ab 1986. Sie lebt als freiberufliche Autorin und Regisseurin in Wien, Berlin, London und New York. Zuletzt erschien von ihr "Das wird mir alles nicht passieren. Wie bleibe ich FeministIn". (Fischer-Verlag, 2010)

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