Unzerbrechlich wie Glas

6. Juli 2011, 09:46
Seit Glas immer härter, biegsamer und unzerkratzbarer wird, macht es eine steile Karriere als Werkstoff für Handys und Tablets. Autos und Solarzellen bieten sich als weitere Anwendungsgebiete der Hartgläser an.

Sie biegen es, schmirgeln es mit Metallbürsten, schlagen mit Hämmern darauf - doch das Glas bleibt heil. Dass die neuen Generationen der ultraharten Gläser inzwischen stabil genug für Handy- oder Tablet-Displays sind, haben die Hersteller mit ihren Härtetests eindrucksvoll und medienwirksam demonstriert. Doch nun winkt chemisch gehärtetem Glas ein neues Anwendungsgebiet: Der neueste Schrei in der Handy-Industrie könnten Smartphones aus ultrahartem Glas werden. Den Spezialglasherstellern winkt eine jahrelange Bonanza.

Gläser für Apples iPhone

Man werde derzeit von Anfragen nach Handy-Chassis aus Glas geradezu überflutet, sagt Takahiro Ikezaki, der beim japanischen Glashersteller Asahi Glass (AGC) die Entwicklung des harten Glases "Dragontrail" leitet. Das Unternehmen liefert unbestätigten Gerüchten zufolge das Glas für Apples iPad2-Display. Aber immer mehr Hersteller wollen Apples Vorbild folgen und ultraharte Gläser wie beim iPhone 4 auch für die Rückseite oder die Hülle verwenden, sagt Ikezaki.

Der Grund dafür ist der harte Wettbewerb bei Smartphones. "Handyherstellern fällt es immer schwerer, sich allein durch Funktionen von der Konkurrenz abzusetzen", so Ikezaki. Mit dem extrem glatten und schimmernden Material wollen die Designer ihren Produkten einen besonders luxuriösen "Look and Feel" verschaffen. Einige Kreative träumen sogar von durchsichtigen Handys.

Glasindustrie boomt

Für die Glasindustrie ist das eine frohe Botschaft. Schon der Boom der Tablet-PCs wird den Absatz der Hartglashersteller auf Jahre explodieren lassen. Marktbeobachter Gartner rechnet damit, dass der Absatz von iPads und Co von 2010 bis 2015 von 17,6 Mio. auf mehr als 200 Mio. Stück wachsen wird. Ebenso optimistisch ist James Clappin, Chef des US-Herstellers Corning, dessen 2008 eingeführtes "Gorilla-Glas" bisher fast ein Monopol hatte. Anfang des Jahres sagte er voraus, dass der Tablet-Markt auf 180 Mio. Stück zulegen würde.

Wenn nun noch Design-Anwendungen hinzukommen, braucht sich die Industrie um fehlende Nachfrage wirklich nicht mehr zu sorgen. Pionier Corning muss den Kuchen allerdings mit immer mehr Herstellern teilen.

Das härteste Glas der Welt

Anfang des Jahres stellte AGC offiziell Dragontrail vor, seinen Konkurrenten für Cornings Gorilla-Glas. Damals behaupteten die Japaner, es sei das stärkste Glas der Welt. Heute ist Ikezaki bescheidener geworden und sagt, dass die beiden Gläser etwa die gleichen Eigenschaften hätten. Bis 2012 wollen die Japaner mit ihrem Glas 360 Mio. Dollar Umsatz erzielen, dies entspräche einem Weltmarktanteil von rund 30 Prozent.

Im Mai führte dann Schott aus Deutschland Xensation ein, eine Glasmarke für Hart- und Spezialgläser in der Displayindustrie. Darunter ist auch das harte Deckglas "Xensation Cover 3D". Dessen Name ist zwar weit weniger schlagkräftig als Gorilla-Glas oder Dragontrail. Das Glas aus Deutschland soll aber laut Schott den gleichen Zweck wie die Konkurrenten aus den USA und Japan erfüllen.

Wahrscheinlich könnte der Markt noch mehr Hersteller vertragen. Denn mit der Elektronikindustrie ist das Marktpotenzial der harten Gläser noch nicht ausgeschöpft. AGC wirbt auch bei Auto- und Solarzellenherstellern um Kunden für das teure, aber leichte Hochleistungsglas.

Gläser für Elektroautos interessant

Besonders für Elektroautos ist die Verwendung interessant, da sich mit den Gläsern das Gewicht von Scheiben senken und damit die Reichweite der Akkus erhöhen ließe, glaubt Ikezaki. So könnte man beispielsweise Polykarbonat, das derzeit als Glasersatz bei Scheinwerfern verwendet wird, beidseitig mit dem Spezialglas beschichten. So gehärtet könnte das Plastik auch für Front- oder Seitenscheiben eingesetzt werden, wo die hohe mechanische Belastung durch Scheibenwischer oder Fensterheber die Verwendung bisher nicht erlaubte.

Bei Solarzellen wiederum will Ikezaki das bisher rund drei Millimeter dicke und damit schwere Deckglas durch dünnes Hartglas ersetzen. Dies würde besonders in Japan die nachträgliche Installation von Solaranlagen auf den Dächern älterer Häuser erleichtern: Diese sind oft für solche Anlagen nicht stabil genug. (Martin Kölling aus Tokio, DER STANDARD/Printausgabe 6.7.2011)

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