"Alles braucht sehr lange, bis es gut wird"

Interview
22. Juli 2011, 17:33
Judith Weir, heuer in Bregenz mit einem Schwerpunkt gewürdigt, über über ihre neueste Oper "Achterbahn"

Ljubisa Tosic sprach mit der britischen Komponistin über Spaß- und Stressfaktoren beim Komponieren.

Standard: Wie ist denn so Ihr Befinden - einige Minuten vor einer Uraufführung Ihrer Werke?

Weir: Hier ganz gut, es ist ja für mich zu spät, noch etwas zu tun. Es war dies in Bregenz insgesamt überhaupt eine gute Erfahrung. Natürlich: Ich war nicht immer da in diesen fünf Probenwochen, das ist jetzt mein dritter Besuch. Doch ich glaube ohnedies nicht, dass die Sänger eine Komponistin die ganze Zeit bei Proben dabei haben wollen. Ich habe natürlich noch Kleinigkeiten geändert, aber das kann sehr schnell geschehen. Man muss das ganze Werk loslassen, es irgendwann einfach den Interpreten überlassen.

Standard: Worum geht es für Sie in "Achterbahn" - abstrakt gesprochen?

Weir: Es geht darum, wie man die Ereignisse seines Lebens sieht. Wenn etwas Schreckliches passiert, kannst du damit umgehen? Es ist am Ende auch meine Philosophie darin enthalten - mit dem Schluss: Das Leben fließt einmal in eine gute, dann wieder in eine schlechte Richtung. Wir können uns bei alledem nur bemühen, auf die nächste positive Wendung zu warten. Auch das Komponieren hat mich dies gelehrt. Alles braucht sehr lange, bis es gut wird. Von diesem Job lernt man, Geduld zu haben.

Standard: Der beste Augenblick beim Komponieren - ist das der unbeschwerte Anfang?

Weir: Der ist auf jeden Fall ein toller Moment. Schön ist es aber auch, wenn alles langsam dem Ende entgegengeht. Schließlich: Die großen konzeptuellen Entscheidungen liegen zu diesem Zeitpunkt längst hinter einem. Die Richtung ist klar, und es gibt im Stück eine gewisse Logik.

Standard: Und der schwerste Augenblick?

Weir: Besonders beim Schreiben einer Oper gibt es viele mühselige Momente; so ein Werk zu schreiben ist ein anspruchsvoller Prozess. Sie haben zwar bald einige Elemente fertig, sehen aber immer wieder, wie viel an Heiklem noch vor Ihnen liegt. Solche Erfahrungen macht man natürlich auch im normalen Leben. Bei Achterbahn bestand der Auftrag explizit darin, eine Oper zu schreiben, also etwas für Opernstimmen. In England ist das Musical sehr präsent, ich hätte auch so etwas machen können. Meine Hoffnung ist, dass das Bregenzer Publikum sieht, dass das Werk etwas über das heutige Leben aussagt.

Standard: Wenn man beim Schreiben im Detail steckt, wie schafft man es dennoch, den Überblick über das dramaturgische Ganze zu behalten?

Weir: Das ist ein Problem, das man eigentlich nie ganz wegbekommt.

Standard: Wie würden Sie Ihren Musikstil beschreiben?

Weir: Ich habe ein tonales Training hinter mir, was Harmonielehre und Kontrapunkt anbelangt. Natürlich habe ich auch eine Offenheit für das 20. Jahrhundert. Schönberg und Berg habe ich analysiert, Nachkriegskomponisten wie Stockhausen und Boulez haben mich begeistert. Aber: Ich schreibe nicht solche Musik, Tonalität ist mir nahe. Auch unsere grundsätzliche Möglichkeit, ganz viele verschiedene Stile kennenlernen zu können, drückt sich in meiner Musik aus. Als ich jung war, habe ich in Schottland natürlich auch viel Folklore gehört. /DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2011)

 

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