Hörbuch: Marx und Engels unerwartet deftig

5. August 2011, 18:19
Der deutsche Linkspolitiker Gregor Gysi und der Universalkünstler Harry Rowohlt sind mit merkbarem Vergnügen bei der Sache

Dass diese Briefe erhalten sind, ist Dawid Rjasanow zu verdanken. Der Leiter des Moskauer Marx-Engels-Instituts trug den Schriftverkehr der beiden Philosophen Karl Marx und Friedrich Engels zu einer kompletten Sammlung zusammen. Der Inhalt der privaten Korrespondenz ist unerwartet deftig und lässt in eine Geisteswelt blicken, die man den Verfassern des "Kommunistischen Manifests" nicht zugetraut hätte: Erstens geht es, wie auch im Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld, häufig ums Geld. Marx pumpt den Fabrikantensohn Engels immer wieder an und hofft auf den baldigen Tod seines Erbonkels: "Stirbt er, bin ich aus der Patsche heraußen."

Häufig nicht politisch korrekt ist, was die beiden einander schreiben: Die Schweizer seien "ein grenzenlos aufgeblasenes Volk", die Dänen würden nur lügen. Ein Feindbild von Marx und Engels ist der Arbeiterführer Friedrich Lassalle, den sie als "jüdischen Nigger" beschreiben.

Hörbar lebendig wird dieser Austausch durch die Protagonisten: Der deutsche Linkspolitiker Gregor Gysi und der Universalkünstler Harry Rowohlt sind mit merkbarem Vergnügen bei der Sache. Die Schauspielerin Anna Thalbach funkt mit bissigen Bemerkungen bei dem Livemitschnitt einer Lesung in der Berliner Kalkscheune dazwischen. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7. 8. 2011)