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Ponyhof

20. September 2011, 16:49

Existenzialismus der Fohlen - "Winders Wörterbuch zur Gegenwart" kehrt mit einem "Wort der Woche" aus der Sommerpause zurück

Wie sagt doch der Volksmund? "Weniger ist mehr". Und dies zu Recht. Beim sommerlichen Nachdenken über mein Wörterbuch ist mir aufgefallen, dass ich seit längerem mehr Zeit für das - nicht immer ganz einfache - Auffinden von drei Stichwörtern verwenden muss als für die Bearbeitung der Wörter selbst. Das möchte ich ändern: Von dieser Woche an gibt es nicht mehr, wie seit 2005 gewohnt, drei WB-Einträge, sondern lediglich einen, den ich aber, wenn möglich, etwas üppiger gestalten werde als die Einträge zuvor. Wenn man so will: Ein Wort der Woche. 

Wohlan! So lasset uns denn heute über die wunderliche Behauptung debattieren, wonach das Leben "kein Ponyhof" sei. In Österreich hat dieser Spruch meinem Empfinden nach erst seit einigen Wochen, allenfalls einigen Monaten eine gewisse Breitenwirkung entfaltet. Geben tut es ihn schon länger: Im STANDARD-Archiv fand ich einen Beleg aus dem Jahr 2007, wo Christoph Maria Herbst, Darsteller des deutschen Büro-Ungustls Bernd Stromberg meinte: "Ohne die brillanten Texte von Ralf Husmann und seinen Leuten wäre Stromberg natürlich gar nichts. Die Fans haben viel Spaß an den unfassbaren Sätzen, die er von sich gibt, wie beispielsweise: 'Das Leben ist kein Ponyhof' oder 'Man sollte den Arsch nicht höher hängen, als man scheißen kann.'"

Mit dem "Ponyhof" ist eine unbeschwerte Art der Lebensführung gemeint: Junge Mädchen, die ihren Fohlen fröhlich die Mähnen striegeln und keinerlei größere Sorgen haben als die, ob der Lockenfall auch wirklich passend sei. So einfach ist das Leben natürlich in der Tat nicht immer, worauf auch eine Reihe von ponyhofanalogen Redewedungen hinweist: Das Leben ist kein Heimspiel, kein Zuckerschlecken, kein Gurkensandwich, kein Wunschkonzert. Einer meiner Gymnasialprofessoren, ein Pessimist der alten Schule, pflegte gar zu sagen, das Leben sei "wie eine Hühnerleiter - beschissen von oben bis unten".

Die steirische Band Opus hat mit ihrer tautologischen Definition, wonach das Leben das Leben sei ("Life is Life"), einen Evergreen geliefert, der seit Jahrzehnten Urständ feiert. Auf die Unberechenbarkeit des Lebens stellt ein berühmter Spruch aus dem Film "Forrest Gump" ab: "Life is like a box of chocolates - you never know what you're gonna get". Wenig ermutigend das, was der französische Chansonnier Jacques Brel dem Leben zuschrieb: "La vie ne fait pas de cadeau" - "das Leben macht kein Geschenk". Eine der schönsten, weil extravagantesten Lebenscharakterisierungen verdanken wir aber der britischen Band 10cc: "Life is a minestrone, served up with parmesan cheese, death is a cold Lasagne, suspended in deep freeze". Hiermit übergebe ich dieses Stichwort der p.t. Leserschaft, auf dass sie diese weiterspinne: Ist das Leben tatsächlich eine Minestrone? Eine Leberknödelsuppe? Eine Gulaschsuppe gar? Oder doch etwas ganz anderes? Ich bitte wie immer um quicklebendige Postings.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbetenan christoph.winder@derStandard.at