Nach 5000 Kilometern: Ankunft in St. Petersburg

25. September 2011, 19:54

75 Tage, 5000 Kilometer und zwölf Länder für Studentenmobilität - Julian Walkowiak und seine MitradlerInnen rollen in St. Petersburg ein

Freitag, 23. September: Aus den geplanten 4000 sind nun 5000 Kilometer geworden. Unseren Zeitplan haben wir trotzdem einhalten können. Auch heute, ein paar Tage nach unserer Ankunft in St. Petersburg, haste ich von einem Büro zum nächsten und versuche mich mit den russischen Behörden und der Universität anzufreunden und vor allem zurechtzufinden. Zwischenzeitlich lasse ich alles Erlebte Revue passieren um Resultate des Einsatzes feststellen zu können.

1.500 Kilometer durch Finnland und Russland

Die letzten 1.500 Kilometer durch Finnland und Russland bescherten unserer Gruppe einen wunderschönen und würdigen Abschluss. Finnland hat uns vor allem durch seine menschenleere Gegenden beeindruckt.

Nach acht Wochen Programm mit fast jedem Tag Begegnungen mit interessanten Menschen und jeder Menge Treffen, hat uns allen die Einsamkeit für eine Weile recht gut getan. Wir hatten besonderes Glück mit dem Wetter und die meisten Tage schien die Sonne. So konnten wir Finnlands tausende Seen - zumindest die, an denen wir vorbeikamen - voll genießen. Auch unsere finnischen Partner überwältigten uns einmal mehr mit ihrer Gastfreundschaft und Unterstützung.

Schlafplatz am See

Zehn Tage lang wurde die ganze Gruppe in Finnland bis auf wenige Ausnahmen mit Essen und Unterkunft versorgt - nicht nur einmal mit bilderbuchhaften Schlafplätzen direkt an einem See. Saunen waren selbstverständlich immer dabei. Unsere Gruppe war so fit wie noch nie zuvor. So verging kein Tag, an dem wir weniger als 100 Kilometer unterwegs waren.

An unserem längsten Tag kamen wir auf 156 Kilometer. Für gewöhnliche Radreisende vielleicht Normalität, doch man möge bedenken, dass viele der Ride for your Rights!-TeilnehmerInnen zuvor noch nie mehr als zehn Kilometer durchgehend auf dem Rad gesessen sind.

Wiener zurück nach Riga

Noch bevor wir Finnland erreichten, passierte in Tallinn die wohl größte Panne der Reise: Unser aus Portugal stammender Fahrer Tiago musste zurück nach Riga um sich von der russischen Botschaft sein Einreisevisum nach Russland abzuholen.

In Portugal hatten wir den ersten Versuch gestartet, in Wien den zweiten, in Lodz - mit Unterstützung des Vizerektors der Technischen Universität - den dritten, aber in Riga klappte es dann endgültig: Ein portugiesischer Staatsbürger konnte sein Visum am russischen Konsulat in Riga beantragen und ein Auto mit österreichischem Kennzeichen vollgepackt mit Gegenständen verschiedenster Staatsbürger über die finnisch-russische Grenze fahren. Eine Situation, die wohl nicht komplizierter und zugleich internationaler sein kann. Diese Erfahrung ließ uns einmal mehr spüren, dass unsere Bemühungen für ein problemloses sich Bewegen Sinn machten.

"Cross border relations"

Während Tiago also sein Visum abholte, blieb ich in Tallinn zurück und suchte einen Mechaniker auf, der die Kühlerpumpe des Kleinbuses austauschen konnte. Der Rest der Gruppe setzte einstweilen mit der Fähre nach Helsinki über. Keiner wusste so recht, wann Tiago, Boris (der Bus), die Gruppe und ich wieder gemeinsam weiterziehen könnten. Zu unserem Glück konnten sämtliche kleineren Probleme schnellstens gelöst werden und zwei Tage später waren alle wieder vereint.

Als Vorbereitung auf die bevorstehende Grenzüberschreitung per Rad und um über bestehende Beziehugen und Projekte zwischen Finnland und Russland etwas mehr zu erfahren, hatten wir in Joensuu einen Workshop zum Thema "cross border relations", der vom "Council of North Karelia" veranstaltet wurde.

Gücklicherweise verlief der Grenzübergang ohne weitere Mühen und alle Warnungen, die wir von finnischer Seite her bekommen hatten, erschienen im Nachhinein fast lächerlich. Interessanterweise trafen wir nicht eine einzige junge Person rund um Kuopio, Joensuu und Savonlinna (ca. 30 km von der Grenze entfernt), die schon einmal nach Russland gereist war. In westliche Länder zu reisen, scheint dagegen zum Altag zu gehören.

Zurück in die Vergangenheit

In Russland angekommen, merkten wir schlicht und einfach, dass wir "Europa" verlassen hatten. Der Unterschied des gut organisierten, gepflegten und behutsamen Finnland zum "wilden" Russland war ohne jegliche Vorurteile einfach spür- und sichtbar. Mit einem Mal fühlt man sich 20 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Anmeldungen in Hostels geschehen mit handschriftlicher Eintragung in ein großes Buch, Autos fahren auch manchmal auf Felgen die Straße entlang und ‘illegale Taxis' winkt man sich in St. Petersburg per Hand her und verhandelt den Preis. 

Ablehnung seitens Uni St. Petersburg

Erwähnenswert ist vielleicht noch die Ablehnung unseres Projektes durch die Staatliche Universität St. Peterburgs. In allen elf Ländern, durch die wir kamen, beteiligten sich die Universitäten am Projekt, bis hin zu den Rektoren persönlich. In Petersburg wurde die Zusammenarbeit verweigert.

So kooperierten wir letztendlich mit dem Deutsch-Russischen Austausch, dem Zentrum für deutsche und europäische Studien und der Höheren Schule für Wirtschaft. Dort hielten wir einen letzten Workshop zum Thema student participation.

Ein Redner war der Vorsitzende des unabhängigem Studentenrates der Staatlichen Universität St. Petersburg, der bekannt ist aus diversen Protesten der Studentenschaft. Im Vorfeld meinte er noch, wir sollten uns bewusst darüber sein, welches Licht seine Anwesenheit auf unser Projekt werfen würde.

Sanktionen

Eine russische Studentin fragte einen weiteren Redner, wie man sich am besten verhalten sollte, wenn einem etwas an der Uni nicht passe und man sich seiner Rechte beraubt fühle. Denn sobald man etwas sagte, werde die akademische Karierre verhindert, die Noten würden den Bach runtergehen und ein Verweis von der Uni bevorstehen. Kein Wunder also, dass die Unterstützung eines Projektes mit dem Namen "Ride for your Rights!" vom Vorhinein abgelehnt wurde.

Besuch im EU-Parlament

Noch ist es schwierig, ein endgültiges Resume zu ziehen, da noch jede Menge Arbeit bevorsteht. Sicher ist allerdings, dass wir unterwegs Organisationen erreicht haben, die aktiv in Bildung, Jugend und Kultur tätig sind. Wir konnten Treffen vereinbaren mit Bologna-Experten und Rektoren - bis hin zu Wissenschaftsministern persönlich. Wir wurden zwei Mal von EU-Institutionen empfangen und werden das Europäische Parlament erneut am 14. Oktober besuchen. 

Toleranz und die Würdigigung von Menschenrechten

Was ich inmitten der rund hundert beteiligten RadlerInnen erleben konnte: das Erwachen eines Gefühles, selbst etwas aktiver ins Leben einzusteigen, Probleme selbst in die Hand zu nehmen und eine Lösung zu finden. Viele fanden Gefallen an unserer Idee, bei der es sich primär um Studentenmobilität handelt. Doch was eigentlich dahinter steht, ist Toleranz und die Einhaltung und Würdigigung von Menschenrechten. Dass das selbst in Europa nicht überall die Realität ist, wissen wir. 

Gemeinsame "Welle"

Ein längerer bildender Aufenthalt in einem anderen Land ist einer von vielen Wegen, Menschen auf eine gemeinsame "Welle" zu bringen. Dafür stehen wir und dafür radeln wir. Und all jene, die nicht mitradeln konnten, aber die Idee eines barierrefreien Studierens dennoch unterstützen wollen, können nach wie vor unser Manifest auf www.rideforyourrights.org unterzeichnen. Jede Stimme zählt. (red, derStandard.at, 25.09.2011)

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