Investieren mit angezogener Handbremse

18. Oktober 2011, 14:50
Die Auswirkungen der Krise auf den Gewerbeimmobilienmarkt sind nicht überall gleich. Während Polen für Investoren interessant bleibt, ziehen sie sich aus Südeuropa zurück

Grundbuch statt Sparbuch. Diese Binsenweisheit, nämlich sein Geld in wirtschaftlich schwierigen Zeiten möglichst "real" in Eigentumswohnung oder Eigenheim anzulegen und damit in Sicherheit zu bringen, scheint anzukommen - zumindest bei Privaten. So sind die Kaufpreise für Eigentumswohnungen in Wien seit Beginn der Finanzkrise stark gestiegen, weil Private und Stiftungen aus Angst vor Geldentwertung und volatilen Aktienmärkten verstärkt in Immobilien investierten.

Weg von Immo, hin zu Aktien

Gleiches gelte aber keineswegs für internationale Investoren und den Gewerbeimmobilienmarkt, sagt Andreas Ridder, Österreich-Chef des internationalen Immobiliendienstleisters CB Richard Ellis (CBRE). Er stellt fest: "Immobilien sind keine Flucht-Anlage für internationale Investoren. Auch in einer Krise gibt es keinen generellen Trend weg von Finanzprodukten hin zu Immobilien." Bei Fonds zum Beispiel könne es in der Krise sogar zu einer gegenteiligen Entwicklung kommen, nämlich weg von Immobilien, sagt Ridder: Wenn im Portfolio ein bestimmter Immobilienanteil definiert sei, steige bei sinkenden Aktienkursen der Immobilienanteil. Bei der Portfolio-Verwaltung müsse umgeschichtet werden. Also weg von Immobilien hin zu Aktien.

So kündigte zum Beispiel die börsennotierte Sparkassen Immobilien AG (s immo) einen Rückkauf von eigenen Aktien an. Man wolle damit ein Signal an den Markt setzen, sagte Finanzvorstand Ernst Vejdovszky auf der Münchner Immobilienmesse Expo Real vergangene Woche. "Im Vergleich zu Investitionen sei der Aktienrückkauf derzeit günstiger", sagte er und stellte zudem fest: "Der Gewerbeimmobilienmarkt geht teilweise in Warteposition." Investoren würden sich seit Juli eher zurückhalten, sagte Vejdovszky. Ausnahme seien Offene Fonds in Deutschland und Österreich, die starke Mittelzuflüsse hätten und das Kapital investieren müssten.

Diese Beobachtung hat auch Ridder gemacht. Er weist gleichzeitig darauf hin, dass die CEE-Region boomt. Während in Österreich im ersten Halbjahr 2011 rund 500 Millionen Euro in heimische Gewerbeimmobilien - "Büros vor allem in Wien, Retail überall wo der Standort passt, Hotels in größeren Städten" (Ridder) - investiert wurden, haben sich die Investitionen im gleichen Zeitraum in Zentral- und Osteuropa im Vergleich zur Vorjahresperiode auf rund 5,3 Milliarden Euro verdreifacht. Der Ausblick ist allerdings getrübt. Der Gewerbeimmobilienmarkt sei in Österreich und Deutschland zwar leicht positiv, in Tschechien und der Slowakei stabil, wie es von s immo heißt, aber Ungarn zum Beispiel werde aus Sorge um die politische Entwicklung von Investoren total gemieden. In Bulgarien und Rumänien wiederum seien die Preise auf einem sehr tiefen Niveau angekommen, doch die Investoren seien noch nicht bereit, wieder einzusteigen und neue Projekte zu entwickeln.

Gedämpfte Erwartungen

Auch die CBRE-Experten erwarten sich nicht viel von den kommenden Monaten. Die Nachfrage nach europäischen Gewerbeimmobilien ist angesichts der Staatsschuldenkrise und der unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung in einzelnen Ländern gedämpft. In Italien und Spanien sei das Transaktionsvolumen im ersten Halbjahr 2011 gegenüber der zweiten Jahreshälfte 2010 um rund 40 Prozent eingebrochen, in Portugal sogar um 80 Prozent. Vor allem Einzelhandelsimmobilien hätten das Geschehen am europäischen Investmentmarkt heuer stärker bestimmt als in den Vorjahren. Das Transaktionsvolumen sei hier gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um 29 Prozent gestiegen. Vor allem in Deutschland, den nordischen Ländern und in CEE war die Nachfrage stark.

Immoexperten sehen daher einen Trend hin zu einer weiteren Konzentration auf den europäischen Gewerbeimmobilienmärkten - eine Polarisierung in Prime- und Sekundärmärkte. Diese hat die gewerblichen Immobilieninvestmentmärkte in den vergangenen zwei Jahren bestimmt und soll sich fortsetzen: Denn Investitionen hätten sich stark auf erstklassige Immobilien in Kernmärkten konzentriert. "In diesem Marktsegment übersteigt die Nachfrage das Angebot deutlich", sagt Ridder. "Es wird aber zunehmend schwerer für Investoren, entsprechende Objekte zu finden." (Markus Böhm, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.10.2011)

WISSEN

Wer heimische Immobilien einkauft
Größter Investor in Österreich im ersten Halbjahr 2011 war laut CBRE die Bank Austria Real Invest, die sowohl den Office Campus Gasometer (OCG) Unit 2 mit rund 28.400 Quadratmetern in der Wiener Guglgasse erwarb als auch eine größere Fläche im Arsenal sowie den Wohnpark Donau im 22. Wiener Gemeindebezirk. Invesco Real Estate kaufte die NH Hotels in Wien und Salzburg, und Karl Wlaschek erwarb ein weiteres Innenstadt-Palais in Wien mit rund 8000 Quadratmetern. Rund 60 Prozent der Investoren kamen aus Österreich, gefolgt von deutschen Investoren mit rund 20 Prozent. Büroimmobilien sind mit rund 36 Prozent Anteil am Investitionsvolumen immer noch am stärksten gesucht. Experten orten aber einen Trend unter anderem zu Hotels. Das Gesamtangebot an Wiener Büroflächen betrug Ende des ersten Halbjahres rund 10,25 Mio. Quadratmeter. (max)

 

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