"Hier passiert gerade Veränderung"

Interview | Thomas Hirner
8. November 2011, 15:36

Trainer Peter Schöttel wähnt Rapid trotz Umbruch­phase und anhaltender Fanproblematik auf einem guten Weg

derStandard.at: Wenn man einen Blick auf die Tabelle wagt, sieht es für Rapid nicht so schlecht aus. Grün-Weiß liegt nach 14 Runden auf Platz drei, punktegleich mit Ried. Sind Sie mit dem bisherigen Verlauf zufrieden?

Peter Schöttel: An und für sich bin ich zufrieden, aber ich schaue im Moment nicht unbedingt auf die Tabelle. Sie zeigt, dass alle mit Ausnahme der Admira ihre Probleme hatten und dass die Meisterschafts-Favoriten weniger Punkte haben, als sie sich vorgenommen haben. Es liegen alle sehr eng beisammen. Ich denke, dass ich in einer schwierigen Phase hier her gekommen bin und dass die Situation noch immer sehr angespannt ist. Wir sind in einer Phase der Veränderung. Mein Ziel ist es die Mannschaft umzubauen, das passiert gerade, da sind wir mittendrin. Es gehören mehr Dynamik und Schnelligkeit in das Spiel. Die Leistungen der letzten Wochen waren besser, als es die Ergebnisse gezeigt haben. Darüber freuen sich weder der Fan noch der Trainer, aber wir haben uns in den letzten Wochen stabilisiert. Wir haben im Sommer Spieler geholt, die uns variabler machen. Zum Beispiel Burgstaller oder Prager.
Wir haben eine schwierige Situation, weil der Kader sehr groß ist, weil Spieler da sind, die sich große Verdienste um den Verein erworben haben, bei denen aber auch die Zeit nicht stehen bleibt.

derStandard.at: In den jüngsten neun Pflichtspielbegegnungen mit Ried gab es nur einen Sieg. Was macht diesen Gegner so unangenehm?

Schöttel: Seit ich Rapid-Trainer bin, haben wir dreimal gegen Ried gespielt, waren zweimal die klar bessere Mannschaft mit eindeutig mehr Torchancen. Die Cuppartie sehe ich als offene Partie. Ried ist nicht nur für uns unangenehm, sie haben auch 21 Punkte, waren letztes Jahr Vierter vor Rapid, waren Cupsieger. Ried ist eine unangenehme Mannschaft, die im Unterschied zu uns enorm effektiv spielt. Sie haben eine gute Mischung aus jungen Spielern und routinierten Legionären mit den vier Spaniern. Natürlich spielen sie die Understatement-Geschichte perfekt aus, es gelingt ihnen nach wie vor sich vor den Medien als die armen Wikinger darzustellen, bei denen jeder Punkt gegen einen großen Gegner ein Erfolg ist. Sie sind ein sehr gut aufgestellter Verein, nicht unbedingt vom Budget, aber mit Leuten an der Spitze, die seit Jahren den Verein führen und wissen worauf es ankommt.

derStandard.at: Auf einem Fantransparent steht zu lesen, "Rapid braucht Veränderung". Gibt es Ihrer Meinung nach akuten Handlungsbedarf?

Schöttel: Ich glaube, dass dies nicht nur auf die Mannschaft umgemünzt ist, die Leute sind einfach mit der Gesamt-Situation unzufrieden. Wenn es um die Mannschaft geht, dann möchte ich alle bitten, genau hinzuschauen, weil da passiert gerade Veränderung. Aber wir haben in Österreich generell das Problem, dass wir es nicht erwarten können, dass wir einer Entwicklung keine Zeit geben. Bei uns muss es sofort klappen, sonst stellen wir alles in Frage. Wenn wir gegen Salzburg verlieren, sind wir wieder in der Krise. Wenn wir gewinnen, sind wir Meisterschaftsfavorit. Klar, die Medien müssen ihre Arbeit machen, wir müssen mit der Mannschaft ruhig und seriös weiterarbeiten und ich denke, wir sind auf einem guten Weg.

derStandard.at: Im aktuellen Teamkader scheinen mit Trimmel und Drazan aktuell nur zwei Rapid-Spieler auf, die Austria stellt gleich sieben Spieler. Ist das ein Zeichen für mangelnde Qualität in den grün-weißen Reihen?

Schöttel: Mit Ausnahme der Austrianer und einem Salzburger, sind nur noch zwei Rapidler dabei, die in Österreich Fußball spielen. Das zeigt, dass die Austria in ihrer Entwicklung ein, zwei Jahre weiter ist als wir. Das werde ich auch nicht müde zu betonen. Deshalb rede ich die Austria aber nicht stark. Sie hätten aus meiner Sicht letztes Jahr eine sehr gute Möglichkeit gehabt, mit dieser sehr guten Mannschaft den Titel zu holen. Sie haben sehr viel Geld in die Hand genommen in den letzten Jahren, haben dadurch auch das eine oder andere Problem, das sie beschäftigt, wie man hört. Aber sie sind für mich, sofern sich Salzburg nicht erfängt, der Topfavorit auf den Meistertitel. Da muss man aber den Winter abwarten, weil es vermutlich anders aussieht, wenn Barazite weggeht.

derStandard.at: Wie schätzen Sie das Potenzial der aktuellen Mannschaft ein?

Schöttel: Wir sind in einer Umbruchphase, wir haben gute Spieler in unseren Reihen und auch gute geholt, die zum Teil erst ihren Platz finden müssen, wie zum Beispiel Deni Alar. Bei ihm dauert es etwas länger, bis er so richtig Fuß fasst. Alar muss sich erst gegen die interne Konkurrenz durchsetzen, er wird natürlich immer an den 14 Toren, die er für Kapfenberg erzielt hat, gemessen, aber wir geben ihm die Zeit, weil wir wissen, dass er es schwer hat mit den drei Mittelstürmern Gartler, Nuhiu und Salihi und der neuen Rolle von Steffen Hofmann, wodurch vorne fast immer ein Stürmer rausfällt.
Ich hoffe, dass wir heuer noch eine gute Rolle spielen können, aber wir müssen bedenken, dass wir uns in einer Übergangsphase befinden. Ich bin erst das erste Jahr als Trainer da und es gibt einige laufende Verträge, die es natürlich einzuhalten gibt, aber man macht sich so seine Gedanken. Wir müssen Rücksicht darauf nehmen, dass der Fußball schneller, dynamischer wird. Dass dies für manche, die in den letzten Jahren sehr wichtig waren, ein Problem ist und sie aktuell wenig spielen, das ist mir bewusst. Wir müssen den Kader im Winter reduzieren, uns neu strukturieren, damit die Hierarchie sich verändert. Wenn wir ein, zwei richtig gute Neue an Positionen dazubekommen, wo ich uns nicht so stark sehe, dann wäre ich durchaus bereit, dass wir auch vier, fünf Spieler abgeben.

derStandard.at: Steffen Hofmann nähert sich langsam wieder einer für seine Verhältnisse respektablen Form. Hat dies damit zu tun, dass der Kapitän nun des öfteren als hängende Spitze agiert?

Schöttel: Es war nach meiner Ansicht notwendig, dass man die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt. In den letzten Jahren ist es mir so vorgekommen, dass es Steffen richten musste, wenn nichts mehr ging. Wenn er nicht in Topform war, dann war das ein enormer Druck. Davon will ich ihn befreien. In spielerischer Hinsicht haben wir mit Thomas Prager einen gefunden, der ihm sehr viel Arbeit abnimmt und diese Rolle gut spielt.

derStandard.at: Sie sagten in einem Interview, dass Rapid "in ein, zwei Jahren wieder vorne dabei sein wird und Franco Foda auch acht Jahre Zeit hatte, um Meister zu werden". Der Fan will aber sein Team jedes Jahr vorne mitmischen sehen. Hat man in der heutigen schnelllebigen Zeit zu wenig Geduld?

Schöttel: Der Fan braucht keine Geduld, der will seine Mannschaft immer vorne sehen. Die Situation war letztes Jahr, abgesehen von dem Ausreißer gegen Aston Villa, nicht gut, deshalb gibt es ein neues Trainerteam und einen neuen Sportverantwortlichen. Ich möchte nun etwas für die nächsten Jahre aufbauen, eine Mannschaft weiterbringen und entwickeln und nicht Woche für Woche um meinen Job zittern. Jürgen Klopp ist nach Dortmund gekommen, hat sich im zweiten Jahr den Kader zusammengestellt, wie er ihn haben wollte und ist im dritten Jahr Meister geworden. Wir versuchen uns in diesem Jahr neu aufzustellen und trotzdem einen Platz zu erreichen, der es uns erlaubt, international zu spielen. Nach 14 Runden habe ich keine Angst, dass wir das nicht schaffen könnten, es liegt durchaus in unserer Macht. Ärgerlich ist, dass wir im Cup ausgeschieden sind.
Was uns aktuell vielleicht noch fehlt, was es aber in der Vergangenheit immer gab, ist der Glaube an die eigene Stärke, damit wir auch Spiele gewinnen, wenn es eng wird. Wir müssen diese Angst, dass etwas passieren könnte, wieder rauskriegen. Das Selbstvertrauen müssen sich die Spieler durch ihre guten Leistungen holen, das kann man nicht verordnen. Bei uns hat sich seit dem Sommer fast am meisten getan. Ich habe versucht, vom Start weg Allen die Möglichkeit zu geben, sich zu zeigen. Ein Schimpelsberger, ein Trimmel, ein Drazan sind jetzt Stammspieler. Die Austria hat mit Baumgartlinger nur einen wichtigeren Spieler verloren, dafür sind Alexander Grünwald und Mader dazugekommen. Das Team ist eingespielt.

derStandard.at: Im Gegensatz zur letzten Saison fällt auf, dass die Defensive geordneter auftritt, dass die Offensive unberechenbarer geworden ist und dass es vor allem im Abschluss hapert. Ihr Eindruck?

Schöttel: Als Trainer musst du dich entscheiden. Diejenigen, die jetzt spielen, brauchen noch zu viele Chancen für die Tore, aber dafür kommen sie in den Strafraum. Hamdi Salihi würde vielleicht mehr verwerten, weil er im 16er seine Qualitäten hat, aber es stellt sich die Frage, ob ich mit ihm dahin komme. Wir erspielen uns mit Drazan, Trimmel und Burgstaller diese Chancen, wo wir richtig schön vor das Tor kommen. Und es fehlt wirklich nicht viel. Wir sind zu Beginn auch relativ alleine dagestanden. Die Fanthematik war sehr seltsam, das erste Match war das Geisterspiel, dann haben sich die Fans am Spiel nicht beteiligt, die Akteure wurden eher misstrauisch beobachtet. Jetzt sind wir in einer Phase, in der uns alle unterstützen, wenn es gut läuft. Wenn es eng wird, wenn wir einen nicht so guten Tag haben, ist immer noch alles sehr kritisch.

derStandard.at: Wie ist es um die grün-weiße Zukunft von Hamdi Salihi bestellt?

Schöttel: Ich habe eigentlich zu viele Stürmer im Kader, weil ich auch bei den Amateuren einen guten habe und Hofmann ja immer wieder hängende Spitze spielt. Dass es für Hamdi unbefriedigend ist, auf der Bank zu sitzen, verstehe ich. Wenn wir stabiler sind, werden wir vor allem in Heimspielen mit zwei Spitzen agieren und dann sind wir auch sehr froh, wenn Hamdi auf dem Platz ist. Ich sage nicht, dass ein Stürmer schlecht wäre, wir haben einfach zu viele und ein jeder, der unzufrieden ist, wird sich melden und dann muss man schauen, wie wir den Kader für das Frühjahr aufstellen. Ich bin einer, der lieber mit wenigen arbeitet, ich habe gerne eine eingespielte Truppe, die weiß, was sie will.

derStandard.at: Wer drängt sich von den Amateuren auf?

Schöttel: Wir haben in den Länderspielpausen Grozurek, Dobras und Wydra mittrainieren lassen. Alle drei haben aus meiner Sicht großes Potenzial. Wydra ist ein U18-Teamspieler im zentralen Mittelfeld, Dobras ein offensiver Mittelfeldspieler und Grozurek hat im Cup Wr. Neustadt und auch WAC/St. Andrä rausgeschossen und hat gezeigt, dass er gut ist.

derStandard.at: Etliche Fans sehen Rapid als Sparverein, die Verantwortlichen sehen Rapid als Ausbildungsverein. Wurden in den letzten Jahren zu viele gute Spieler abgegeben um permanent vorne mitmischen zu können?

Schöttel: Ein Jelavic, ein Hoffer, ein Maierhofer sind erst bei Rapid so gut geworden. Wir machen uns die Stars und die wollen irgendwann ins Ausland. Diese Spieler sehen Rapid auch als Plattform. Es liegt an uns, immer eine interessante Truppe zu haben, bei der sich etwas am Platz abspielt. Wenn man sich keinem Mäzen ausliefern will, dann wird es halt schwieriger, Meister zu werden. Und wenn Fans und Vereinsführung Probleme miteinander haben und dadurch die Mannschaft nicht nach Wunsch unterstützt wird, dann wird es schwierig bleiben und das wäre schade, weil auch heuer viel drinnen ist, was ich zu Beginn nicht gedacht hätte. Ich war mir sicher, dass heuer Salzburg vorne weglaufen wird, so wie es die ersten Runden ausgeschaut hat. Es ist eine interessante Situation, dass es ihnen kaum gelingt, auch wenn sie immer hervorragende Trainer hatten, keine Kasperln. Trapattoni, Stevens, Adriaanse sind wahre Experten. Was in Salzburg fehlt, ist die Kontinuität.

derStandard.at: Dortmund-Geschäftsführer Watzke nannte unlängst folgende Punkte, die wesentlich sein sollen für den Erfolg. "Man muss eine gewisse Gerissenheit ausstrahlen, braucht klare Führungsstrukturen und neben vereinsinterner Ruhe auch Kontinuität auf den Positionen des Sportmanagers und des Trainers". Wie sieht es diesbezüglich bei Rapid aus?

Schöttel: In puncto Gerissenheit haben wir noch Nachholbedarf, wir sind sehr korrekt und vornehm unterwegs. Kontinuität wünsche ich mir, klare Führungsstrukturen gibt es in der Mannschaft und auch im Verein mit Präsident Edlinger und General Manager Werner Kuhn, die im Moment von Fanseite unter Kritik stehen. Und die Ruhe im Verein gibt es bei uns gar nicht und das ist das Problem. Es kann ja nicht nur Ruhe geben, wenn wir 20 Punkte Vorsprung haben. Leider ist es so, dass um die  Großklubs das größte Theater gemacht wird. Da wollen die meisten Leute mitreden, da formieren sich im Misserfolgsfall sofort die Heckenschützen, da sind die Medien am meisten interessiert. Den Fans wurde in den vergangenen Jahren vermittelt, dass sie Vieles mitbestimmen können. Sie wissen, dass der Erfolg zu einem großen Teil durch ihre Unterstützung gelungen ist. Aber jetzt sind wir in einer schwierigen Situation. Ich habe den Eindruck, dass diejenigen die wichtigsten sind, die auf Grund von Stadionverboten nicht im Hanappi sind. Das habe ich unterschätzt, als ich im Sommer gekommen bin. Ich dachte, das wird schneller wieder in Ordnung sein. Leider ist es das bis heute nicht. Aber wir haben gelernt, nicht diese Unterstützung der vergangenen Jahre zu haben. Unser Ziel ist es, so gut zu sein, dass wir die Menschen mitreißen können. Dazu brauchen wir Zeit und Ergebnisse. Ich glaube, dass unsere Kurve schon nach oben zeigt und hoffe, dass wir bis zum Winter noch viele Punkte sammeln. Wir müssen vermitteln, dass wir alles tun, um besser zu werden und dass man das auch am Feld sieht.

derStandard.at: Wie groß schätzen Sie das Problem ein, dass die Nachwuchs-Akademie nicht in Hütteldorf sondern in der Südstadt untergebracht ist?

Schöttel: Die Trainingsbedingungen unserer Akademie in der Südstadt sind hervorragend, doch die Wegzeiten zwischen Schule und Südstadt sind derzeit nicht optimal. Diesbezüglich bin ich jedoch zuversichtlich, dass wir in absehbarer Zeit diese Situation optimieren können.

derStandard.at: Teamchef Koller kommuniziert unter anderem via Facebook mit der Außenwelt. Viele Fußballer teilen Persönliches via Twitter mit ihren Fans. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Schöttel: Das sind Zeichen der Zeit, in der wir jetzt leben. Ich finde, es sollte jeder so handhaben, wie er es für richtig hält. Ich werte das nicht, ob das gut oder schlecht ist. Der Trend wird in den nächsten Jahren dahin gehen. Problematisch könnte sein, dass irgendwelche Internas von den Spielern nach außen getragen werden. Ich habe das Gefühl, dass ich in dieser Hinsicht eher ein konservativer Trainer bleibe und mich mit den Journalisten direkt unterhalte, solange ich den Eindruck habe, dass es etwas bringt. Bei manchen frage ich mich schon, warum ich versuche, zu erklären, was ich mir denke, wenn dann ohnehin wieder alles auf Schwarz und Weiß, Gewinnen und Verlieren reduziert wird. Das ist manchmal frustrierend, aber andererseits denke ich mir, dass jeder seinen Job machen muss. Was mir extrem auffällt, ist, dass beim Training selten ein Journalist zuschaut. In Österreich geht alles über das Telefon. Das gibt es auf der ganzen Welt sonst nicht. Das ist komisch und unprofessionell. Journalisten haben in Wahrheit eine große Verantwortung, gerade die, die bei den auflagenstärksten Blättern schreiben. Man kann sich doch kein Bild vom Hörensagen machen und die Öffentlichkeit damit so massiv beeinflussen. Meine Mutter sagt mir jeden Tag, "der hat das nur so geschrieben, das stimmt ja nicht." (derStandard.at, 8. November 2011)

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