Notenbanken fluten globale Finanzmärkte mit Geld

30. November 2011, 17:16
EZB, US-Fed sowie die Notenbanken Kanadas, Japans, Großbritanniens und der Schweiz öffnen die Geldschleusen

Frankfurt - Die wichtigsten Notenbanken der Welt stellen den globalen Finanzmärkten in einer überraschenden und koordinierten Aktion mehr Geld zur Verfügung. Ziel sei es, "den Anspannungen an den Finanzmärkten entgegenzutreten" und dadurch einer möglichen Kreditklemme vorzubeugen, um so das Wirtschaftswachstum zu stützen, teilten die Notenbanken mit.

Sie hätten sich darauf geeinigt, bestimmte Zinssätze zum Geldleihen untereinander um einen halben Prozentpunkt zu senken. Daneben solle es zwischen einzelnen Zentralbanken befristete bilaterale Abkommen zu solchen Zinsgeschäften geben, "so dass in allen Währungsgebieten Liquidität in allen ihren Währungen angeboten werden kann, falls es die Marktbedingungen erfordern." Beteiligt an der Auktion sind die Europäische Zentralbank, die US-Notenbank Federal Reserve sowie die Notenbanken Kanadas, Japans, Großbritanniens und der Schweiz. Die Swap-Abkommen wurden bis 1. Februar 2013 verlängert, wie es weiter hieß.

Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) freut sich. Da der Interbankenmarkt, auf dem sich die Kreditinstitute gegenseitig Geld leihen, "ziemlich zähflüssig funktioniert" habe, erledigten die Zentralbanken nun ihre Hauptaufgabe, nämlich den "Währungsfluss" zu garantieren.

Genug Dollar

Im Kern geht es den Notenbanken darum, die von der Schuldenkrise in Mitleidenschaft gezogenen europäischen Banken ausreichend mit Dollar zu versorgen. Den Instituten fiel es zuletzt schwer, sich Dollar-Kredite zu beschaffen - viele US-Investoren haben ihnen aus Angst vor den Folgen der Schuldenkrise den Geldhahn zugedreht. Sie fürchten, im Falle von Staats- und Bankenpleiten auf ihren Forderungen sitzenzubleiben. Deshalb sind viele europäische Banken vom US-Geldmarkt nahezu abgeschnitten, vor allem wenn sie selbst kein Einlagengeschäft in den USA haben. Die wichtigste Weltreservewährung ist jedoch zentral für ihre Geschäfte.

Zu allem Überfluss müssen 15 der 37 größten Banken der Welt nun auch noch neue Methoden der Rating-Agentur Standard & Poor's mit schlechteren Bonitätsnoten bezahlen. Das erschwere vor allem ihre kurzfristige Refinanzierung, sagte Investment-Chef Andrew Fraser von Standard Life vor der Aktion der Notenbanken - "ausgerechnet jetzt, wo die Banken bei der Liquidität ohnehin unter Druck stehen". Die Deutsche Bank und die Commerzbank wurden nicht herabgestuft, der Ausblick für das Rating des deutschen Branchenprimus ist nun aber "negativ" und nicht mehr "stabil". Japans Notenbank-Chef Masaaki Shirakawa betonte, die konzertierte Aktion habe nichts mit der Herabstufung zu tun.

Die Notenbanken verständigten sich darauf, den Geschäftsbanken bis ins Jahr 2013 hinein unbegrenzt Dollar zur Verfügung zu stellen. Hierzu holt sich die EZB Dollar von der US-Notenbank und verleiht sie an Banken des Euro-Systems weiter. Gleichzeitig wurden die Kosten für diese sogenannten Dollar-Swaps gedrückt. Zur Kontrolle der Risiken der Schuldenkrise müssen die Banken derzeit ihr Kapital aufstocken. Um für einen Notfall gewappnet zu sein, vereinbarten die Zentralbanken zudem Tauschgeschäfte, um jederzeit die von Banken benötigte Währung bereitstellen zu können.

Kursfeuerwerk

An den Aktienmärkten löste die Aktion ein Kursfeuerwerk (siehe Marktberichte) aus: Der DAX in Frankfurt legte sehr deutlich um fünf Prozent zu, nachdem vor der Meldung der Gewinn bei etwa eineinhalb Prozent lag. In Wien wendete der ATX im Sog der anziehenden internationalen Leitbörsen ebenfalls klar in die Gewinnzone und verbuchte einen Aufschlag von vier Prozent.

Reaktionen

Analysten zeigen sich in ersten Reaktionen durchaus angetan. Sie stellen allerdings in Frage, ob die reine Bereitstellung von Liquidität ausreicht. Letztlich müsste sich auch die bedrohliche Lage am Interbankenmarkt entspannen. "Denn dies ist nur ein Herumlaborieren am Symptom, fundamental ändert sich nichts. Die Politiker müssen jetzt liefern", so Giuseppe Amato von Lang & Schwarz. Das Zeitfenster schließe sich immer schneller. Bislang sei kaum etwas von dem umgesetzt worden, was angekündigt worden war.

Der Chef-Devisenstratege von JPMorgan Chase in Tokio, Junya Tanase, fragt sich, woher das Geld kommen wird. "Hierzu gab es keine neuen Informationen. Schlussendlich hängt alles davon ab, ob sich die EZB stärker in der Schuldenkrise engagiert, da sie der einzige belastbare Geldgeber ist." 

"Dies zeigt, dass die Zentralbanken in der ganzen Welt weiter zusammenarbeiten und dass sich die EZB und ihre Partner darüber bewusst sind, dass europäische Banken derzeit bei der Finanzierung Spannungen erleben", merkt Christian Schulz von der Berenberg Bank an. Die Aktion drücke die Kosten der Finanzierung in US-Dollars oder anderen Währungen und werde auch die Profitabilität der Banken erhöhen und verschaffe ihnen eine bessere Chance, ihre Kapitalquoten zu erhöhen. "Der Zugang zu US-Dollar wird nun wieder billiger."

Der Chefvolkswirt der Postbank, Marco Bargel, äußert sich in einer Aussendung: "Die Notenbanken stehen Gewehr bei Fuß. Jegliche Anzeichen einer Liquiditätskrise werden mit allen Mitteln bekämpft. Wenn Verspannungen auftreten, werden sie nachschießen. Sie werden alles tun, damit nicht wieder eine Liquiditätsklemme auftritt wie nach der Lehman-Pleite 2008." (Reuters/APA/red, derStandard.at, 30.11.2011)