Kunsthalle-Direktor Matt wird für drei Monate dienstfrei gestellt

2. Dezember 2011, 12:48
Gleichberechtigtes Leitungsduo geplant - Franz Patay übernimmt interimistisch die Geschäftsführung

Wien - Gerald Matt, Leiter der Kunsthalle Wien, wird von 1. Jänner bis 31. März 2012 dienstfrei gestellt. Für diese Phase der Dienstfreistellung übernimmt - wie bereits am Mittwoch durchgesickert - Kunsthaus-Geschäftsführer Franz Patay interimistisch auch die Geschäftsführung der Kunsthalle. Dies gaben Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und der Kultursprecher der Grünen, Klaus Werner-Lobo, am Freitag bei der Präsentation einer neuen Struktur des Hauses bekannt.

Patays künftige Aufgabe wird sein, alle Verträge und Verpflichtungen des Vereins Kunsthalle zu prüfen und die Überführung in eine neue GmbH abzuwickeln. Danach ist für die Kunsthalle ein gleichberechtigtes Leitungsduo aus kaufmännischer und künstlerischer Geschäftsführung geplant, das nach dem Vier-Augen-Prinzip arbeiten soll. Präsidentin des neuen Aufsichtsrats wird Sonja Hammerschmid.

"Pragmatischste Lösung"

Die Dienstfreistellung von Matt und die Umwandlung des Vereins der Kunsthalle Wien in eine GmbH ist für die rot-grüne Stadtkoalition die "aus rechtlichen Gründen beste und pragmatischste Lösung", wie bei der Präsentation der Neuorganisation hieß. Die Dienstfreistellung bei vollen Bezügen läuft über den noch amtierenden Vorstand, drei Monate stellen hier rein arbeitsrechtlich das Maximum dar. "Mir wurde versichert, dass es möglich ist", so Mailath-Pokorny. Hinsichtlich der Zukunft von Matt schieden sich jedoch die Koalitionsgeister.

"Wir versuchen bis Ende März ein möglichst lückenlose Aufklärung - ergebnisoffen", betonte Mailath-Pokorny und äußerte grundsätzliche Zufriedenheit mit der inhaltlichen Arbeit von Matt. Grünen-Kultursprecher Werner-Lobo dagegen hält den künstlerischen Zenit des seit 1996 aktiven Kunsthallenleiters für "überschritten". "Es ist kein Geheimnis, dass unsere Lust, Gerald Matt wieder als Direktor der Kunsthalle zu sehen, endenwollend ist", so Werner-Lobo. "Aber unsere Lust ist auch nicht groß, ihn bei vollen Bezügen bis Ende der Vertragszeit (Ende 2014, Anm.) spazieren zu schicken." Mailath dazu zurückhaltend: "Über die Lust des Koalitionspartners vermag ich nichts zu sagen."

Für "die lückenlose Aufklärung" sollen bis Ende März die neuen Organe sorgen, die Überführung vom Verein in eine GmbH beim nächsten Gemeinderat am 26. Jänner beschlossen werden. Die GmbH soll laut Mailath-Pokorny mit 1. Februar tätig werden: "Das ist eine kurze Zeit bis dahin, aber es wurde bereits viel Vorarbeit geleistet." Die Stadt Wien wird die zukünftige Eigentümerin der Kunsthalle sein, als Kontrollorgan fungiert ein neuer Aufsichtsrat mit Sonja Hammerschmid, der Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität Wien, an der Spitze. "Ich habe sie deshalb gebeten, weil sie eine Vergangenheit in der Kreativwirtschaft hat und in unterschiedlichsten Funktionen ihre Managementqualitäten bewiesen hat", so Mailath-Pokorny.

"Wir treten nicht an, um die besseren Kuratoren zu sein, sondern um die Geschäfts- und Subventionsgebarung zu prüfen", erklärte Hammerschmid. Und der interimistische Geschäftsführer Franz Patay saß nach eigenen Angaben "hier, weil ich großen Spaß daran habe, Projekte umzusetzen". Kreativität könne man auch einsetzen, "wenn man komplexe Herausforderungen effektiv und erfolgreich umsetzt". Dass die Überführung des Vereins in die GmbH ein "komplexes Verfahren" und "einiger Aufwand" sei, wollte auch Mailath-Pokorny nicht verhehlen. "Die Alternative wäre aber, weiter zu warten, bis ein rechtskräftiges Urteil abgegeben ist", bat der Kulturstadtrat um Verständnis.

Gerichte sollen Vorwürfe klären

"Die Umwandlung in eine GmbH wurde vom Kontrollamt bereits 2002 gefordert", erläuterte Werner-Lobo, "für eine Institution dieser Größe ist das sicher die beste Rechtsform". Hinsichtlich der "atemberaubenden Vorwürfe" gegen Matt "sollen das die Gerichte klären", fand der grüne Kultursprecher deutliche Worte, "aber uns geht es nicht nur um strafrechtliche Angelegenheiten, sondern auch um kulturpolitische Mindeststandards, um den Umgang mit MitarbeiterInnen, um den Umgang mit Steuergeldern, um die öffentliche Kommunikation. Wir können den Wiener Steuerzahlern diesen Direktor nicht mehr zumuten." Matt war unter anderem vorgeworfen worden, die Kunsthalle für private Veranstaltungen genutzt und Besucherzahlen frisiert zu haben. Außerdem soll er versucht haben, österreichische Staatsbürgerschaften für "außerordentliche Sponsorleistungen" an ausländische Mäzene zu vermitteln.

Die Kunsthalle Wien soll künftig von einer künstlerischen und einer kaufmännischen Geschäftsführung auf Augenhöhe geleitet werden, letztere wird "so bald wie möglich" ausgeschrieben. Im Aufsichtsrat der GmbH sitzt mit Ottakringer-Chef Siegfried Menz nur mehr ein Mitglied des bisherigen Vereinsvorstands, neben Hammerschmid und Menz werden auch Wien-Tourismus-Chef Norbert Kettner, Kulturamtsleiter Bernhard Denscher, der freie Kurator Martin Fritz sowie Betriebsräte der Kunsthalle im Aufsichtsrat sitzen. Der bisherige Verein wird in einen Freundesverein für die Kunsthalle ohne städtische Subventionen umgewandelt. Für Mailath-Pokorny ist diese Neuordnung eine gute Lösung: "Ich bin im Grunde gegen Crash-Varianten. Man muss nicht irgendwas gegen die Wand fahren, um einen konstruktiven Neuanfang zu starten." (APA/red)

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