Tschabern

6. Dezember 2011, 17:02

Ich tschaber mir eine Pizza: Ein Zeitwort-Gegenstück zum Dingsbums

Ach ja, die Jugendsprache. Der Verlag Langenscheidt hat jetzt das Wort "Swag" zum Jugendwort des Jahres erkoren. Bedeuten soll es so viel wie "von lässig-cooler Ausstrahlung" oder "mit einer charismatisch-positiven Aura versehen"; in meiner persönlichen Umgebung habe ich allerdings ein "swag“ weder je gehört noch gelesen. Das "Streiflicht" der Süddeutschen hat sich am Dienstag die Swag-Wahl zum Anlass genommen, generell über Jugendsprache zu philosophieren; und in dem betreffenden Artikel wurde dann auch das Wort "tschabern" erwähnt (ebenfalls niemals gehört noch gelesen). Wenn ich es recht verstehe, handelt es sich dabei um eine Art verbalen Lückenbüßer, ein Zeitwort, das "für so gut wie alles" verwendet werden kann: "Ich tschaber in die Stadt, ich tschaber mir eine Pizza" etc. Es scheint sich also um ein modisches Zeitwort-Pendant zum althergebrachten Wort "Dings" ("Dingsbums", "Dingsda") zu handeln, das man immer dann heranzieht, wenn Alzheimer oder seine Vorboten zuschlagen und man kurz- oder mittelfristig nicht weiß, wie man einen Gegenstand korrekt benennen soll. Ein hübsches britisches Dings-Äquivalent ist übrigens "Thingummy", die Amerikaner sprechen vom "Whatchamacallit" (auch der Name eines Schokoriegels von Hershey), die Franzosen vom "Truc".

Wenn "tschabern" künftig für so gut wie jedes andere Verb stehen kann, würde das der Differenziertheit des sprachlichen Ausdrucks natürlich nicht zugutekommen ("Was tschaberst du heute Abend?", "Wenn Du das noch einmal sagst, tschaber ich eins aufs Maul" etc.) Meine Befürchtungen, dass "tschabern" à la longue alle anderen deutschen Zeitwörter eliminieren wird, halten sich allerdings in Grenzen – dazu haben wir denn doch viel zu viele liebreizende Verben ("anschmiegen", "gurgeln", "kuscheln", "nostrifizieren"), als dass wir sie durch das einförmige tschabern ersetzen wollten. Wie auch immer: Alle Leserinnen und Leser, die zum Thema Dingsbums, Thingummy oder Truc was hereinzutschabern haben, tschabere ich, dies auch zu tschabern. Viel Vergnügen!

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
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