Junge Liebe rostet nicht

27. Dezember 2011, 17:02
Christine Ostermayer und Karl Merkatz verkörpern in "Anfang 80" von Sabine Hiebler und Gerhard Ertl ein Paar, das sich erst im Spätherbst des Lebens findet

Ein Film, der durch seine Behutsamkeit überzeugt.

Wien - Eine Frau, die großen Wert auf Selbstbestimmung legt: Der schwätzenden Röntgenassistentin, die sie im Untersuchungszimmer stehen lässt, verpasst Rosa eine schallende Ohrfeige - "Jetzt werden Sie mich nicht mehr vergessen." Das Krankenhaus verlässt Rosa eine Woche früher als geplant, denn von dem halben Jahr, das ihr der Krebs noch gönnt, möchte sie nicht einen einzigen Tag vergeuden. Später wird sie dorthin erneut gegen ihren Willen eingeliefert und das Gebäude noch einmal verlassen, dann jedoch auf der Flucht und mithilfe ihrer neuen Liebe Bruno.

Christine Ostermayer und Karl Merkatz spielen dieses Paar, das, wie der Filmtitel bereits verrät, die sogenannten besten Jahre des Lebens hinter sich hat. Das erste Aufeinandertreffen unterliegt einer Zweckmäßigkeit: Der praktisch denkende Bruno hilft Rosa, deren Wohnung während ihres Spitalaufenthalts von ihrer Nichte vermietet wurde, in einem Hotel unterzukommen; die feinfühlige Rosa wiederum hilft Bruno seinen toten Kater Kreisky ("Weil ich Bruno heiß") zu vergraben. Aus Empathie wird Liebe.

Es ist weniger Starrsinnigkeit, mit der die beiden sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzen, als die Überzeugung, stets das Richtige zu tun. Rosa und Bruno wollen niemandem etwas beweisen, auch nicht sich selbst. "Wir sind Tote, deren Beine noch funktionieren", meint Rosa einmal, und wer nicht wahrgenommen wird, kann sich wenigstens so manche Freiheit erlauben.

Als die heimliche Affäre auffliegt und der verheiratete Bruno sich entscheiden muss, geschieht das ohne nach außen getragene Zweifel. So wie vieles von dem, was Rosa und Bruno in der Folge gegen den Willen ihrer Familien und gegen den Rat ihres Umfelds unternehmen - vor allem die Übersiedelung in eine gemeinsame Wohnung -, spontan und konsequent geschieht.

Dezente Inszenierung

Anfang 80, inszeniert von dem ursprünglich vom Experimentalfilm kommenden Filmemacherduo Sabine Hiebler und Gerhard Ertl, ist ein über weite Strecken ruhiger und einfach erzählter Film. Das steht seinem Thema und dem Tempo seiner Protagonisten gut an. Schmucke niederösterreichische Stadtplätze, die kleinbürgerliche Welt eines pensionierten Betriebsrats, die schiefen Blicke im Pensionistenheim, das ist alles recht dezent ins Bild gesetzt.

Dass der Film sich hütet, mit einem besonderen Anspruch aufzutreten, heißt nicht, dass er anspruchslos ist: Gerade die unaufdringliche Art, mit der Anfang 80 seine - nach wie vor wenig filmtauglichen - Fragen nach Sexualität im Alter, drohender Vereinsamung und dem nahendem Tod behandelt, ist das Beste an diesem Film, wobei diese Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit zu einem großen Teil dem unaufgeregten Spiel Ostermayers und Merkatz' geschuldet sind, die aus den großen Themen kein solches Drama machen. Im Gegenteil: Wie kleine Bühnen eines Stationendramas funktionieren die einzelnen Szenen, die zwar den Nebenfiguren (wie Erni Mangold als Brunos Frau) kaum Platz bieten, dadurch aber die schrittweise Entwicklung des Paars deutlich machen.

Bleibt die dramaturgisch entscheidende Frage, wer sich eigentlich an der "unmöglichen" Liebe der Alten stößt. Die staatlichen Institutionen und sozialen Einrichtungen sind es nicht wirklich ("Dement sind Sie nicht, Sie sind verliebt", meint der Psychiater zu Bruno), und sogar Brunos Frau bringt für seine allerletzte Suche nach dem Glück Verständnis auf. Also müssen die eigenen Kinder - allen voran sein Sohn - für den scheinbar notwendigen Konterpart sorgen.

Doch auch diesen Generationenkonflikt will Anfang 80 nicht bis zum Ende austragen, sondern ein Film der Versöhnung sein: zwischen den Eltern und den Kindern ebenso wie zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Am Ende, so lautet die zentrale Aussage, zählt eben nur die Erinnerung an das Wesentliche - und dieses zu finden ist erst der Anfang.   (Michael Pekler  / DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2011)