Sprunghaft in Richtung Mindestsicherung

Karl Fluch
4. Jänner 2012, 17:58
Das Wiener Quartett Tankris veröffentlicht sein Debütalbum - Livepräsentation am kommenden Donnerstag

Wien - Zu den Paradoxa unserer Zeit zählt die Unzahl junger Independent Bands, die sich trotz kommerzieller Chancenlosigkeit nicht entmutigen lassen, Musik zu machen. Als kleine Band kann man bestenfalls hoffen, mit ein paar Konzerten die Unkosten der Anreise und eines produzierten Tonträgers wieder hereinzubringen. Von der Musik leben? Lustig.

Es sei denn, man würde auf dem jetzt eine gerechte Musikverwertung scheinbar endgültig ruinierenden Online-Musikdienst Spotify an die vier Millionen Mal abgerufen werden, pro Monat! Das reichte dann immerhin für die Mindestsicherung.

Dass trotz dieser Rahmenbedingungen gerade aus dem Popzwergenland Österreich eine Unzahl guter neuer Bands kommt, ist ein weiteres Paradoxon. Statt klischeekonform und herkunftsgemäß zu jammern und zu raunzen, wird beherzt drauflos gespielt. Ohne karrieristische Illusion wird die Kunst scheint's besser. Ein paar Namen zum Gustieren und Anhören: Mopedrock!!, Bo Candy & His Broken Hearts, Crazy Bitch In A Cave, The Happy Kids und, und, und.

Jüngstes Beispiel in dieser losen Aufzählung ist die Formation Tankris, die dieser Tage ihr Debütalbum Am And What veröffentlicht und es kommende Woche in der Wiener Freiheit live präsentiert. Tankris sind Sängerin Lisa Kortschak, Gitarrist Chris Janka, Romeo Bissuti am Bass sowie Gregor Mahnert am Haudrauf. Allesamt sind schon länger in diverse musikalische und andere künstlerische Projekte involviert - warum also nicht zwischendurch eine neue Band gründen?

Die Musik von Tankris fällt im besten Sinn des Wortes sprunghaft aus. Jankas Nähe zur gefürchteten Welt der Improvisation wird hier von der Vorgabe gebändigt, dann doch im weiteren Sinne Pop zu produzieren. So wird nicht jeder Idee blind nachgejagt und jeder Song deshalb zur Geduldsprüfung, sondern nur jenen, die die Idee Pop tatsächlich transportieren. Das schafft Raum und Zeit. Den nutzen Tankris und produzieren lässige Hooklines und Melodien. Auf diese bettet Kortschak ihren Gesang. Worum es da genau geht, ist auf Englisch so egal wie auf Französisch.

Formal erinnert das Zusammenspiel von Tankris an große Namen wie die US-Band Pixies sowie die frühen Soloalben von Frank Black. Der Sänger der Pixies verstand es von Anbeginn an, Einserschmähs wie rasante Geschwindigkeitssprünge und Stops mit zwingenden Melodien kurzzuschließen und so eine Reihe von Jahrhundertsongs zu schreiben.

Ein Jahrhundertsong gelingt Tankris zwar nicht, aber das kunstvoll holprige Spiel wird mit Verve kredenzt, die elf Songs des Albums weisen keinen echten Hänger auf.

Das einzig mögliche Problem bei der Welteroberung stellt höchstens die Neigung der Band zu lustigen Verkleidungen dar. Dazu assoziiert man schnell Faschingsdienstag in der geistigen Provinz, fehlgeleitete kreative Energie am Laientheater und dergleichen. Das müsste echt nicht sein, und vielleicht muss es ja auch nicht sein. (Karl Fluch, DER STANDARD - Printausgabe, 5./6. Jänner 2012)

  • Tankris live: 12. 1. Wiener Freiheit, 5., Schönbrunner Str. 25. 20.00

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