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Totale Rollstuhlgerechtigkeit

20. Februar 2012, 18:09
Erbauungsdrama "Im Alleingang - Die Stunde der Krähen", Sat.1, Dienstag, 20.15 Uhr

Wien - Das neue Leben beginnt im Tulpenfeld. "Sie haben einen Querschnitt", wird der Arzt später im Krankenhaus sagen. "Endlich ein Faktum", wird Maria Schwadorf (Stefanie Stappenbeck) gefasst entgegnen. Unter gelben Tulpen kommt die Anwältin nach einem Autounfall zu Fall, von dem sie aus eigener Kraft nicht mehr aufzustehen vermag. Nun gilt es, das Handicap zu meistern, das heißt zuerst: Niederlagen einzugestehen, Schwächen wahrzunehmen, Hürden zu erkennen.

Mit für Massenware ungewöhnlicher Genauigkeit widmet sich Sat.1 im TV-Drama Im Alleingang - Die Stunde der Krähen (20.15) von Thomas Nennstiel dem Schicksalsschlag einer Karrierefrau und ihrem Weg zur Selbstfindung. Gar nicht genug zu danken ist dem Sender die entschlossene Karnevalsverweigerung. Allein deshalb gebührt dem Film löbliche Erwähnung.Wobei der filmisch mehrfach strapazierten Grundidee, wonach erst die Verletzung das bessere Leben ermöglicht, zu misstrauen ist. Die zynische Botschaft dahinter lautet nämlich, dass es Unfall oder Krankheit braucht, um Sinn und Selbsterfüllung zu finden. Maria Schwadorf siegt allerdings nicht wegen ihres Handicaps, sondern mit ihm: Als Anwältin war sie auch vorher schon brillant. Buchschwächen (warum klagt die gemobbte Juristin nicht?) und ein paar läppische Wendungen (Romanze mit dem Physiotherapeuten) irritieren, am Ende steht jedoch die Gewissheit, dass zumindest im Fernsehen völlige Rollstuhlgerecht(ig)heit existiert.  (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2012)

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