Dem Burgtheater in die Berge folgen

21. Februar 2012, 16:54
Ende März gastiert das Burgtheater in Schaan in Liechtenstein. Das Theater am Kirchplatz liegt dort unter den Gipfeln des Rätikons

Die Vorstellungen im Theater am Kirchplatz (kurz TAK) in Schaan beginnen stets um 20.09 Uhr. Das ist kein Spleen, sondern dem Umstand geschuldet, dass die Glocken der unweit gelegenen Sankt- Laurentius-Pfarrkirche jeweils zur vollen Stunde losdonnern und jede Konzentration im Theatersaal zunichtemachen.

Das Theater hat auch Gemäuer lassen müssen, weil ein Eck des Gebäudes für einen wichtigen, nahe wohnenden Bürger des Landes eine Sichtbehinderung dargestellt hätte, so die Mär. Die Bühne ist aus unerfindlichen Gründen tatsächlich rechts hinten abgeschrägt. Der Stallerhof-Aufführung konnte das unlängst im Jänner erfreulicherweise nichts anhaben; das Gastspiel des Wiener Burgtheaters wurde am Premierenabend heftig bejubelt.

Unter der Figur des hoch hinauf in den Schnürboden ragenden Gekreuzigten rückte die Bauernfamilie in Franz Xaver Kroetz' Stück eben ein wenig enger zusammen, als sie es für gewöhnlich im Kasino am Schwarzenbergplatz in Wien tut. Unter den ungnädigen Augen der Bauersleute (Barbara Petritsch und Branko Samarovski) verliebt sich der Knecht (Johannes Krisch) in die geistig behinderte Tochter (Sarah Viktoria Frick) - und zeugt mit ihr ein Kind, das die nunmehrigen Großeltern keineswegs unter dem eigenen Dach dulden wollen. Die Verstoßung der drei wird später deren Schicksal besiegeln.

Nach sechsmonatiger Spielpause (die letzte Vorstellung von Stallerhof war im Juni) verlief der Probedurchlauf am Vorabend der Premiere in Schaan mehr als zufriedenstellend. Raffiniert provozierte Barbara Petritsch in Bauersfrau-Montur ihren noch unentschlossenen Kollegen Branko Samarovski zum Kostümanlegen: "Ein Profi zieht sich um!" Nachsatz: "Wegen dem Feeling."

Der Gastspielbetrieb zwischen Wien und Schaan ist rege, schon Ende März packt das Burgtheater wieder ein: Die wuchtige Vermüllungsstudie Eine Familie von Tracy Letts wandert vom Akademietheater ans TAK (30./31. März). Das verlangt nach einigen mit Umsicht gefüllten Containern. Die Einpacklogistik einer solchen Reise liegt auf hohem Niveau.

Ausgefeilte Einpacklogistik

Dazu eine kleine Anekdote: Als das Burgtheater im letzten Herbst mit Krieg und Frieden in Sankt Petersburg gastierte, geschah etwas Unvorhergesehenes. Die aus Wien mitgebrachten langen Tischkerzen, die in Matthias Hartmanns Inszenierung die russischen Adelssalons erleuchten, brannten bei den Proben mit doppelter Geschwindigkeit nieder, sodass bis zur Premiere sämtliche Kerzen alle waren. Panik beim Requisiteur. Im Alexandrinski-Theater zieht es offenbar gewaltig. Mit so einem Kerzenverschleiß hat niemand gerechnet.

Das Burgtheater hat seine Gastspielreisen in den letzten Jahren intensiviert. Neben den traditionellen Spielorten wie Bozen und Meran sind es nun auch Destinationen wie Bogotá (Babel, 2006) oder Bobigny (Väter, 2011), Venedig, Moskau oder Winterthur, die vom österreichischen Nationaltheater angepeilt werden.

Das Theater am Kirchplatz fällt, wie der Name schon sagt, in die weniger exotische Kategorie. Hier in Schaan ist nichts los. Schaan ist ein Durchzugsstädtchen (eine Zugstunde von Zürich entfernt), dessen äußere Schönheit vorwiegend die Alpenkulisse ausmacht. Der Bevölkerungszahl nach ist Schaan die größte Stadt Liechtensteins, mit knapp 5800 Einwohnern größer als die unmittelbar angrenzende Residenzstadt Vaduz.

Über den Möliholzröfi

"Schaan war einmal ein sehr schönes Städtchen", sagt die seit fünfzig Jahren hier lebende Chefin des Hotel Dux, "doch die unkoordinierte Stadt- und Verkehrsplanung haben den Charme einigermaßen verdrängt." Dem kann man nicht widersprechen. Das Agglomerat an Kreisverkehren hält den Wunsch zum Verweilen in Grenzen. Am besten also, man pirscht hinaus in die nahegelegenen Berge und Wälder. Auch wer kein Hochalpinist ist und vor dem abendlichen Theaterbesuch lediglich ein wenig Liechtensteiner Luft schnuppern will, ist in Schaan gut bedient. Direkt vom Duxwald führt ein Wanderweg durch den Wald hinüber zum Schloss Vaduz. Über die Schluchten der Schmelzwassergräben mit den illustren Namen Kröppelröfi, Quaderröfi und Möliholzröfi dauert das selbst bei beschaulichem Tempo nur eine Stunde.

Man kann also zu Fuß von Schaan nach Vaduz spazieren, man kann aber vor allem vom Hotel zum Theater spazieren. Im Fall des am Hang gelegenen Hotel Dux bedeutet das nach Vorstellungsende einen kleinen Anstieg. Ein Treppelweg führt hinauf an den Rand des Duxwaldes, wo am Duxweg das - eben - Hotel Dux liegt. Hier zieht aus der Nähe Kuhstallgeruch herüber.

Für das Frühstück ist die Dux-Wirtin ein wenig berühmt. Allmorgendlich bereitet sie ein hochqualitatives, aus handverlesenen Zutaten bestehendes Buffet mit Birchermüsli und selbstgemachter Marmelade. Als die angrenzende Wiese noch nicht verbaut war, schmückte sie das morgendliche Essen mit selbstgezogenen Kräutern und essbaren Blumen.

Auch Barbara Ellenberger war hier Stammgast, unmittelbar bevor sie 2007 ihren Job als Theaterleiterin antrat. Das 300-Plätze-Haus hat im Zwergstaat eine Art Staatstheaterfunktion inne (mit 38 Prozent Eigendeckungsgrad). Ellenberger will im Theater am Kirchplatz "Regiehandschriften des deutschsprachigen Theaters abbilden", und da finden sich neben Institutionen wie dem Burgtheater, dem Wiener Schauspielhaus oder dem Thalia-Theater Hamburg auch namhafte Gruppen wie She She Pop, 400asa oder die phänomenale Produktion Psychiatrie! des österreichischen Theatermachers Hagnot Elischka.

Vor allem Burgtheater-Vorstellungen sind schnell ausverkauft. Das aus der in Liechtenstein prägenden Vereinskultur heraus entstandene Theater verfügt mit dem neuen "Saal" am Lindaplatz über einen imposanten zusätzlichen Spielort. Dessen absonderliche Architektur samt strenger und überaus mächtiger Fassade wirkt im Häuserensemble des kleinen Ortes einigermaßen abschreckend. Doch das Innere ist eine Offenbarung: Der holzgetäfelte, seiner guten Akustik wegen vor allem für Klassikkonzerte genützte Saal bietet riesenhaft Raum, insbesondere für das Bühnenbild des nächsten Burgtheater-Gastspiels, Eine Familie in der Inszenierung von Alvis Hermanis: ein bis unter das Dach mit (Lebens-)Unrat gefülltes zweigeschoßiges Haus.

Das Stück zeigt den Zustand innerlicher Verwahrlosung einer amerikanischen Vorstadtfamilie anhand ihrer subtilen Messie-Tendenzen. Gleich zu Beginn führt der Selbstmord des Vaters die schrecklich nette Familie von Violet Weston (Nestroy-Preis-gekrönt: Kirsten Dene) im abgewohnten Familiendomizil zusammen, ein unschönes Aufeinandertreffen, bei dem Konflikte neu aufbrechen und so den sozialen und emotionalen Verschleiß des Lebens äußerlich sichtbar werden lassen.

Viel Schinken-Käse-Toast

Das Genossenschaftstheater bekommt 2,4 Millionen Franken Subvention von der öffentlichen Hand; es unterhält kein eigenes Ensemble, sondern ist ein Abspielhaus, für dessen Programm Ellenberger bisher eine außerordentlich gute Nase bewies. Auch die Mascheks oder Grissemann und Stermann sind im deutschsprachigen Nachbarland gern gesehene Gäste. Für die Vorarlberger ist Schaan sowieso so etwas wie Bad Reichenhall für die Salzburger Grenzlandbewohner.

Apropos Bad. Für einen Entspannungstag vor oder besser nach dem Theater empfiehlt sich in dieser Gegend ein kleiner Trip in die Therme Bad Ragaz in der Ostschweiz. Outdoor-Freunde mögen ihre Stecken in die Hand nehmen und sich auf den Weg machen zum tibetischen Kloster Letzehof oberhalb Feldkirchs. Diesen Ausflug unternahmen die Burgtheater-Maskenbildner Andreas Filar und Sandra Erlach bei strahlendem Sonnenschein, während die Stallerhof-Schauspieler ein weiteres Mal Probe hatten.

Erst spätnachts verlassen sie das Theater, stärken sich am nächstgelegenen Gasthaus mit allerlei Sorten Schinken-Käse-Toast (und Sekt zur Feier des Tages) und trapsen dann - unter Verzicht aufs Taxi - hinauf zum Hotel Dux. Samarovski, kurz vorm Ziel: "Wir sind ja nicht auf Wandertag!" Die Souffleuse Monika Brusenbauch: "Wetten, dass die Kirchenglocke auch nach Mitternacht läutet!" - Die Wette hat sie gewonnen. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD/Printausgabe/18.2.2012)

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