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Den Wein im Dorf lassen

6. März 2012, 16:44
Pomerol ist ein leiser Flecken im lauten Bordeaux - Luzia Schrampf über ein Gebiet, das völlig unspektakulär, dafür nachhaltig zur Luxusadresse für Wein wurde

Château Pétrus, in Pomerol beheimatet, ist heute jedem nur halbwegs Weininteressierten ein Begriff. Noch in den 1950ern war es das nicht, genauso wenig wie man Vieux Château Certan, L'Evangile oder L'Eglise-Clinet kannte. Über Jahrhunderte interessierte sich kaum jemand dafür, was hier erzeugt wurde. Am "Rechten Ufer" des Flusses Dordogne, der nach dem Zusammenfluss mit der Garonne zur Gironde wird und das Weinbaugebietes Bordeaux teilt, lebten in erster Linie Bauern. Dazu kamen ein paar kleinere und, selbst wenn sie "Château" im Namen führten, wenig bedeutende landwirtschaftliche Betriebe. Am "Linken Ufer", vor allem in Médoc, erwarb der französische Hochadel seit 350 und mehr Jahren große Güter oder wurde von höchster Stelle für seine Dienste am Staat damit bedankt. Angesichts der Gloria des Adels im Médoc, der auch finanziell besser gepolstert war, verblasste Pomerol. Und das blieb auch so bis vor etwa 50 Jahren.

Der Aufstieg Pomerols zur heutigen Edelappellation war kein raketenhafter. Journalisten, die Weine gut fanden und hoch bewerteten, waren damals uninteressant, schillernde Namen, die diese schlürften und so ihren Beitrag zur Verbreitung lieferten, anderswo zugange. Den weit größten Einfluss hatten in dieser Zeit die Weinhändler der Gegend. Sie sorgten dafür, dass das, was sie den Winzern abgekauft hatten, zu mehr oder weniger ansprechenden Tropfen cuvetiert oder auch direkt unters Weinvolk gebracht wurde.

1000 Euro und mehr

Während sich der Handel im Médoc immer in Richtung Großbritannien orientiert hatte, wurden Pomerol-Weine Anfang des 20. Jahrhundert - wenn überhaupt - über belgische Weinhändler in die Beneluxstaaten und weiter nach Nordeuropa verkauft. Die Thienponts, eine belgische Weinhändlerfamilie, wurden so auch zu Pomerol-Pionieren. Sie ließen sich in den 1920er-Jahren dort nieder, weil sie aufgrund der Qualität der Weine Möglichkeiten sahen. Die Familie von Jean-Pierre Moueix, Weinhändler in Libourne, der größten Stadt in der Nähe von Pomerol, bewies eine besonders gute Hand. Bestens beleumundet sowohl als Händler als auch für ihre Kelleraktivitäten, begannen sie in den 1950er-Jahren, ganze Weingüter zu kaufen und sie zu erneuern. Eines davon war Château Pétrus, das sie zunächst bewirtschafteten und 1964 als Eigentümer übernahmen. Entwicklungsarbeit vor allem technisch-önologischer Natur leisteten auch die Thienponts. Vieux Château Certan, 1924 erworben, gehört heute noch der Familie, dazu seit 1979 auch der knapp zwei Hektar große Weingarten Le Pin, aus dem jährlich im Schnitt 6000 bis 7000 Flaschen edelster Rotwein kommt, der je nach Jahrgang zu 1000 und mehr Euro gehandelt wird.

Dass gleich drei Weine aus einer derart kleinen Herkunft, Pétrus und sein Zweitwein La Fleur de Pétrus und Le Pin, zu den verlässlichsten Blue Chips für Spekulanten zählen, trägt heute natürlich einiges zum Image und Standing der Herkunft bei, erzählt Fiona Morrisson MW, gemeinsam mit ihrem Mann Jacques Thienpont als Besitzerin von Le Pin anlässlich eines Pomerol-Workshops in Wien, der es allerdings "lieber sehen würde, wenn meine Weine getrunken würden". Marketingmaßnahmen à la künstliche Verknappung oder Klassifizierungen - wie in Médoc und Graves bereits 1855 durchgeführt oder in St. Emilion jüngst famos gescheitert - waren nie notwendig.

Langlebige Weine

Verknappt wird natürlich durch die Größe der pomerolschen Flächen, die besten Ecken des Gebiets waren und sind in festen Händen wissender Betreiber: "Von den knapp 800 Hektar sind vielleicht 160 absolutes Spitzenterroir für langlebige Weine. Aber auch die Weine aus anderen Teilen sind äußerst erfreulich, wenn sie auch nicht so lange halten wie die Spitzengewächse", erklärt Stephen Brook, britischer Autor mehrerer lesenswerter Bücher über Bordeaux. Pomerol-Weine haben dank des Merlot einen samtig-fruchtigen Grundcharakter, sind jung sehr angenehm zu trinken und nicht annähernd so tanninreich-hart wie jene des Médoc, die für ein geschmeidiges Trinkerlebnis lange Jahre reifen sollten.

Neben den Aktivitäten dieser Familien gibt es natürlich auch die Umstände der Natur, die dazu beitragen, dass Pomerol-Weine zu den gesuchten dieser Welt gehören. Speziell für Merlot, die am Linken Ufer nach Cabernet Sauvignon nur die zweite Geige spielt, bietet das landschaftlich liebliche, aber unspektakuläre Plateau mit seinen teilweise tonigen Böden ein ideales Terrain, selbst wenn die Weingärten nicht biblisch alt sind. Viele Rebstöcke aus früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten wurde 1956 durch einen starken Frost vernichtet, die Weingärten danach Zug um Zug dank einigen Weitblicks mit besserem Pflanzmaterial bestockt. Damit wurde eine Basis geschaffen, von der man heute so richtig zehrt. Und so wird es auch noch einige Zeit bleiben. (Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/02/03/2012)

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