Dem Glück auf der Spur

Verena Diethelm
7. März 2012, 14:28
Die glücklichsten Menschen auf der ganzen Welt lebten bis 2010 in Vanuatu. Seither nicht mehr. Verena begibt sich auf die Suche nach dem Glück

Die Tourismus-Manager von Vanuatu können bei der Vermarktung ihrer Inseln aus dem Vollen schöpfen. Vanuatu hat nicht nur einen USP (unique selling proposition), sondern gleich mehrere Alleinstellungsmerkmale. Hier gibt es den einzigen Unterwasserbriefkasten der Welt, das weltweit einzige Postamt auf einem aktiven Vulkan und die relativ größte Sprachenvielfalt. Das beste Verkaufsargument ist allerdings: In Vanuatu leben die glücklichsten Menschen der Welt.

Zumindest war das vor einiger Zeit das Ergebnis einer Studie der Think Thanks "New Economics Foundation" und "Friends of the Earth". Der von beiden Organisationen 2006 entwickelte Happy Planet Index basiert auf Daten zu Glücksempfinden und Zufriedenheit, Lebenserwartung sowie zum ökologischen Fußabdruck. Der Studie zufolge sprechen die verhältnismäßig hohe Lebensqualität der Bevölkerung, Naturreichtümer wie unberührte Küsten und einzigartige Regenwälder sowie ein hohes Demokratieniveau für Vanuatu.

Komisch nur, dass Vanuatu in der Neuauflage des Rankings im Jahr 2010 auf Grund einer Änderung bei der Datenerhebung und -analyse überhaupt nicht mehr vertreten ist. Ja, was denn nun? Sind die Ni-Vanuatu, wie die Einwohner Vanuatus heißen, nun die glücklichsten oder nicht?

Bei meinem ersten Streifzug durch die Hauptstadt Port Vila machen die Ni-Vanuatu auf jeden Fall einen ziemlich glücklichen Eindruck auf mich. Sie sind zwar im Gegensatz zu ihren Nachbarn in Fidschi Fremden gegenüber zunächst etwas skeptisch und lachen einem auf der Straße auch nicht gleich an. Im Gespräch legen die Ni-Vanuatu ihre Schüchternheit aber dann schnell ab.


Blick auf Port Villa.

Nur die Frage, nach der Quelle ihres Glücklichseins scheint ihnen schon etwas auf die Nerven zu gehen. "Es ist ja nicht so, dass wir die ganze Zeit lachen. Das würde ja irgendwann weh tun", sagt Annette, Verkäuferin im Nambawan Shop, und lacht lauthals. Die Ni-Vanuatu würden einfach versuchen, nett zueinander zu sein und das mache sie so glücklich, meint sie.

Leith, der als junger Mann in Europa Nautik studiert und später als Regierungsbeamter viel von der Welt gesehen hat, ist überzeugt, dass die Lebensart auf den Inseln, die Kastam genannt wird, der Grund für das Glücksempfinden ist. "Auf den Inseln sind alle miteinander verwandt und wir helfen uns gegenseitig. Es ist ein ständiges Geben und Nehmen", erklärt Leith. Auch um die Kinder würde sich die gesamte Dorfgemeinschaft kümmern.


Verena und Leith.

Durch Annette lerne ich ihren Mann, Henry Peeters, kennen. Henry ist vor 40 Jahren aus Deutschland nach Australien ausgewandert und hat dort das erste Bier nach dem Reinheitsgebot gebraut. Vor einem Jahr hat er in Port Vila gemeinsam mit einem australischen Partner eine Brauerei gegründet und produziert seitdem Nambawan Bier. Henry spendiert mir ein Draught und ein Porter, was zumindest mich schon mal glücklich macht.


Henry Peeters.

Von Henry erfahre ich auch, dass etliche Ni-Vanuatu ihrem Glück etwas nachhelfen wollen und leider ihr sowieso mageres Gehalt in den Casinos der Hauptstadt verspielen. Außerdem hat Vanuatu noch immer am Erbe der Kolonialzeit zu tragen. Vor der Unabhängigkeit in 1980 hießen die Inseln von Vanuatu die Neuen Hebriden. Weil sich die britischen und französischen Kolonialherren nicht einigen konnten, welche der insgesamt 83 Inseln zu wem gehört, wurde der Versuch gestartet, die Inseln gemeinsam zu regieren.

Es gab also eine britische Regierung und eine französische Regierung, die abwechselnd das Land führten, sowie ein gemeinsames Gericht, das Streitigkeiten lösen sollte. Der Richter dieses gemeinsamen Gerichts wurde übrigens vom spanischen König bestimmt, um eine gewisse Unabhängigkeit zu garantieren. Diese seltsame Form der Verwaltung war ziemlich ineffizient, weil es zu zahlreichen Zweigleisigkeiten kam.


Der Regierungssitz.

So gab es nicht nur zwei Regierungen, sondern zum Beispiel auch zwei Währungen, zwei Postsysteme und auch zwei Feuerwehren. Selbst jetzt noch sorgt dieses System für Probleme, etwa wenn französische Feuerwehrschläuche nicht auf britische Hydranten passen und umgekehrt, erzählt Henry, der schon sieben Jahre in Port Vila lebt. Zum Glück haben sich die einstigen Kolonialmächte wenigstens darauf einigen können, auf welcher Straßenseite gefahren wird. Auf allen 83 Inseln herrscht Rechtsverkehr.

Etwas unübersichtlich wirkt auch die Sprachenvielfalt. Die rund 240.000 Einwohner von Vanuatu sprechen 108 Sprachen. Die einzige Sprache, die alle Ni-Vanuatu beherrschen, nennt sich Bislama und ist eine auf dem Englischen basierende Pidgin-Sprache. Bislama besteht aus nicht mal 3.000 Wörtern und macht wirklich Spaß. "Toktok" heißt sprechen und "lukluk" schauen. Meine Favoriten sind aber "Nambawan jesusman" für Papst und "basket blong titi" für Bikini. Bislama zu sprechen macht jedenfalls "glad tumas" (sehr glücklich).

Blog: Dauerwelle

mehr
  • Reiseblog: Dauerwelle Anleitung zum Meeresbummeln

    4 Postings
    Segelboot, Containerfracher und Kreuzfahrtschiff: Verena gibt in ihrem Reiseblog Tipps für die Weltumschiffung
  • Blog: Dauerwelle Europa entgegen

    Ansichtssache | 1 Posting
    Verena zögert ihre Heimreise noch hinaus und fährt auf einem Kreuzfahrtschiff über Asien und Afrika zurück ins Mittelmeer