Chris Moran: "Interessante oder nützliche Schlagzeilen sind tot"

Tatjana Rauth
15. März 2012, 16:24
Der Digitalexperte des "Guardian" über die Herausforderungen von "Open Journalism", Leserbindung und Rekordzugriffszahlen

1921 prägte der "Guardian"-Chefredakteur C. P. Scott das berühmte Zitat "Comment is free, but facts are sacred" und legte damit nach Chris Morans Interpretation den Grundstein für den weltweit viel beachteten "Offenen Journalismus", den die britische Tageszeitung "The Guardian" seit Jahren in der digitalen Sphäre lebt.

Der erste interaktive Kontakt des "Guardian" mit seinen Usern passierte laut Morans Einführung während eines "Minute by minute"-Blogs über das Fußballspiel VfB Stuttgart gegen die Rangers, das die Deutschen 1:0 für sich entscheiden konnten. Der Moderator wurde damals von E-Mails überschwemmt. Eine erste Ahnung kam auf, was in Zukunft an Leser-Interaktion alles möglich werden könnte.

Offene Redaktionssitzung mit Courtney Love

Jeder Tag wird bei der in London ansässigen Tageszeitung mit einer offenen Redaktionssitzung um 10.30 Uhr eröffnet, besprochen werden dort die Artikel der letzten Tage sowie anstehende Themen für die aktuelle Ausgabe. Immer wieder sind auch externe Vortragende eingeladen. Als Beispiel nannte Moran die Sängerin Courtney Love. Er selbst präsentiert jeden Donnerstag überraschende Auswertungsergebnisse aus Userdaten und erzählt von interessanten Journalismusprojekten außerhalb des "Guardian".

Schlüsselereignis des digitalen Journalismus

Das Schlüsselereignis des digitalen Journalismus in Großbritannien war laut Moran der Fall Tomlinson während der G20-Krawalle in London 2009. Der Zeitungsverkäufer Ian Tomlinson starb inmitten einer Schar von Polizisten an einem Herzinfarkt. Am folgenden Tag titelte sein Arbeitgeber "The Evening Standard": "Polizisten mit Ziegeln beworfen, als sie sterbendem Mann helfen wollten" und folgte damit exakt dem ersten Statement der Polizei, dem Mann sei engagiert und unter Gefahr geholfen worden. Der "Guardian"-Reporter Paul Lewis konnte in den nächsten Tagen allerdings über seinen frisch eröffneten Twitter-Account neues Licht in die Sache bringen und den Fall anhand von Fotos, Augenzeugenberichten und einem Video letztlich aufklären.

 

Der nächste Erfolg im Fall eines ermordeten Asylwerbers namens Jimmy Mubenga ließ nicht lange auf sich warten, schnell etablierten sich die neuen journalistischen Werkzeuge innerhalb der Redaktion.

Crowdsourcing par exellence

Eine neue Art von Leserbindung und Crowdsourcing probierte der "Guardian" im Rahmen des MP-Ausgaben-Skandals aus. 400.000 Dokumente über die maßlos überhöhten Ausgaben der Minister waren in nur einem Dokument enthalten. Um einen großen Teil davon zu sichten, bat man die User um Mithilfe und setzte zur vereinfachten Kategorisierung neben jede gescannte Unterlage eine Reihe von Klickmöglichkeiten. So konnten die Leser beispielsweise ihre Postleitzahl eingeben und anschließend die Unterlagen des ihnen persönlich am nächsten stehenden Abgeordneten (MP) überprüfen.

"Das Konzept ist wahnsinnig gut angenommen worden", berichtete Moran, und sei für den "Guardian" der "Knüller des Jahres" gewesen.

Datenpotenzial kreativ nutzbar machen

Laut Moran geht "Open Journalism" nach der Philosophie des "Guardian" jedoch weit über das geschriebene Wort hinaus, weshalb Entwicklern auf der "Open Platform" eine offene Content-API geboten wird, die es ihnen ermöglicht, ohne Umschweife auf die "Guardian"-Datenbank zuzugreifen. Mit dem Datenmaterial können sie anschließend ihre eigenen Ideen umsetzen, Apps bauen oder die Daten auch mit anderen Quellen verknüpfen.

Auf dem Datablog sammelt und veröffentlicht der "Guardian" große Datensätze und stellt sie der Leserschaft zur freien Verfügung. Die Interpretationen der Redaktion sowie die besten User-Einsendungen werden regelmäßig auf der Plattform veröffentlicht.

Forenmanagement in der Vermittlerposition

Einzigartig in Großbritannien ist die Position des "Open Editor", der jede Woche in einer Kolumne zwischen den Leser- und den Redaktionsinteressen vermittelt und für Korrekturen aller Art verantwortlich zeichnet.

Auch die Wartung der Foren folgt einem einzigartigen Stil. Für besonders umkämpfte Themen wie die Reform der Krankenversicherung (NHS) wurden eigens Community Manager installiert, die nahe an der Redaktion sitzen und im ständigen Zwiegespräch zwischen Lesern und Redakteuren vermitteln, um so befriedigende Ergebnisse und Stimmungen auf beiden Seiten erzeugen.

Die Kanalisierung der Leserinteressen

Eine der jüngeren Entwicklungen ist die "Open Newslist", die im Oktober 2011 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Alle tagesaktuellen Themenvorschläge waren ab diesem Zeitpunkt für die Öffentlichkeit einsehbar, doch die große Userbeteiligung blieb aus, obwohl die Fachpresse sich in Berichten darüber förmlich überschlug. Inzwischen wurde der Fact-Checking-Blog "Reality Check" von Polly Curtis als geeignetes Forum gewählt, um täglich ein Thema in den Vordergrund zu heben und so das fachkundige Publikum anzuziehen, das von Beginn an als Zielgruppe anvisiert war.

Rekord-Zugriffszahlen

Die höchste Zugriffsrate aller Zeiten in Höhe von 5,6 Millionen Unique Users wurde beim "Guardian" am zweiten Tag der "London Riots" im August 2011 verzeichnet. Die Redakteure stellten sehr bald fest, dass die digitale Lage auf Twitter großteils fest im Griff der Gerüchte war, und stellten deshalb eine Google Map online, auf der sie tatsächliche Brennpunkte verifizierten und markierten. Um auch den vielen Gerüchten ein Forum zu geben, wurde die Seite "Riot Rumors" ins Leben gerufen, die Redakteure erfanden sogar eigene Gerüchte und verbreiteten sie über Twitter.

Abschließend stellte Moran anhand des aktuellen Beispiels "Kony 2012" die traditionelle Schlagzeile in Frage. Anstatt im Titel der über fünf Tage meistgelesenen Geschichte des "Guardian" auf den Inhalt hinzuweisen, wählte man die Frage aus, welche die User am meisten beschäftigte: "Kony 2012: What's the real story". Der Untertitel übernahm im Gegenzug all die Arbeit. "Interessante oder nützliche Schlagzeilen sind tot", schoss Moran gegen Ende hin scharf auf das traditionelle Nachrichtengeschäft und verwies auf einen Erfolg, der in seiner Welt wirklich zählt: der erste Platz bei Google News für den Suchbegriff "Kony 2012" in Großbritannien und den USA. (Tatjana Rauth, derStandard.at, 15.3.2012)

Zur Person

Chris Moran ist seit drei Jahren als "SEO and SMO Editorial Executive" für den gesamten externen Traffic des "Guardian" in New York und London verantwortlich und kann auf eine lange Erfahrung im digitalen Publizieren zurückblicken. Er begann 1999 beim "Guardian Unlimited", zu einem Zeitpunkt, als rund 50 Personen, zur Hälfte Techniker, zur Hälfte Redakteure, in einem Hinterzimmer daran arbeiteten, die damalige Printausgabe ins Internet zu bringen. Er war in die Entwicklung der neuen Webseite involviert und während der Umstellung auf den integrierten Newsroom als Production Editor für das Kulturressort verantwortlich.

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