Wir sind fast die Stadt

Kommentar | Andrea Heigl
15. März 2012, 19:18
Wer glaubt, man wisse am besten, was die Stadt braucht, tut sich selbst nichts Gutes

Besser hätten die Wiener Roten ihre Befindlichkeit nicht versinnbildlichen können. Ein knallroter Apfel mit einem kleinen grünen Einsprengsel - dieses Bild findet sich auf der Leistungsbilanz der Stadtregierung, die die SP bei ihrer Klausur in Rust verteilte. Seit 468 Tagen haben sie einen Koalitionspartner, am Selbstverständnis der Rathausroten hat das wenig geändert: Wir sind die Stadt, und wir wissen, was am besten ist für die Stadt. Dass man sich im Video zum Klausurbeginn mit fremden Federn schmückt - geschenkt.

Da wird die Nacht- U-Bahn gelobt, eine Forderung der Jungen VP, der die Stadt zähneknirschend nachkam, nachdem sich die Wiener in einer Volksbefragung dafür ausgesprochen hatten. Da werden die billigeren Öffi-Tickets und Parkpickerln gepriesen, beides grüne Forderungen. Am liebsten hätten die Roten auch den Charta-Prozess, also die Regelfindung für das Zusammenleben, in Rust präsentiert.

Anfang der Woche schob man doch schnell ein rot-grünes Pressegespräch ein. Bürgermeister Michael Häupl stellt seine Regierung zwar gern als funktionierendes Gegenmodell zur dauerkriselnden rot-schwarzen Regierung im Bund dar - dennoch schwingt gerade bei roten Traditionsevents wie der Ruster Klausur die Sehnsucht nach der guten alten Alleinregierungszeit mit. Die SP hat oft ein ganz gutes Gespür für die Bedürfnisse der Wiener; sich selbst tut sie mit ihrem Habitus aber nichts Gutes.
(Andrea Heigl, DER STANDARD, 16.3.2012)