Gegenstrom, kein Stillstand

Anne Katrin Feßler
28. März 2012, 17:59
Carola Dertnig spielt den Ball zum Publikum zurück und macht es zur performativen, vielleicht sogar widerständigen Einheit: "Again Audience"

Wien - "Bravo", "Zugabe", "Panik". Die Galerie Andreas Huber betritt man aktuell durch einen Vorhang, zerteilt glitzernde Papierstreifen, an die Worte wie "Tanz", "Bewegung" oder "Genital" geheftet sind. Das Publikum tritt nicht nur ein, es passiert die Schwelle zum Bühnenraum: Again Audience titelt die Ausstellung von Carola Dertnig, in deren Arbeiten Körper, Bühne, Text und Sprache die wesentlichsten Elemente sind.

Das Verhältnis dieser Ingredienzien zueinander untersucht Dertnig, die seit 2006 "Performative Kunst" an der Akademie der bildenden Kunst unterrichtet, oft im Medium Video, aber auch in ihren Collagen. "Ich interessiere mich für die Performances in der Sprache und die Choreografie in einer Zeichnung", sagt sie. Auf linierten und gerasterten Papieren kommen Zeichnung, Fotografie und Text auf formal eleganteste Weise zusammen und visualisieren performative Handlungen: " Die Collagen sind oft die Drehbücher für die Performances." Auch die jüngsten Collagen der Künstlerin lesen sich wie Partituren.

Eine davon richtet den Blick auf historische, künstlerisch revolutionäre Performances und dabei insbesondere auf die Füße des Publikums - also jene Elemente, die das Widerständige in die Welt hinaustragen. Sie gleicht sogar dem Blick in ein Videoschnittprogramm, wo Audio- und Bildsequenzen in unterschiedlichen Spuren übereinanderliegen. Revolutionären Geist atmet auch die Rednerbühne Again Audience / Stage, die einem Entwurf von Alexander Rodtschenko folgt. Rodtschenko baute 1925 für die Pariser Kunstgewerbeschau den konstruktivistischen Prototyp eines Arbeiterklubs: ein Gesamtkunstwerk für sozialistische Bildung und sowjetischen Gemeinschaftssinn. Dertnig funktionierte das Pult allerdings zur mobilen Einheit für den Außenraum um. Der ausziehbare Scherenzaun macht die Größe der Performance- Einheit oder Absperrung variabel. Ein Agitationsmöbel.

In dieser politischen Dimension kann man auch das Video Some exercise in complex seeing is needed lesen. War in früheren slapstickartigen Videominiaturen Dertnigs das Scheitern oft Thema, taucht dies im Sinne mangelnden Fortkommens auch im neuesten Video auf: Zeigt es doch eine Person, die auf der Stelle schwimmt. Aber die Situation muss, wie der Titel sagt, in komplexeren Zusammenhängen betrachtet werden: Aus dieser Perspektive sieht man, wie die Schwimmerin im Fluss dem Strom standhält. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 29.3.2012)

Bis 5. 5.

Galerie Andreas Huber

Schleifmühlgasse 6-8, 1040 Wien

Bildende Kunst

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