Mit 30 von Tamsweg nach Boston und Osnabrück

Günther Brandstetter
5. April 2012, 17:00
Der Salzburger Geoinformatiker Bernd Resch steht am Anfang einer vielversprechenden Karriere. Mit derStandard.at sprach er über seine Forschung und Entwicklung

Bernd Resch erfüllt so gar nicht das Klischee eines Professors, schließlich ist er mit seinen 30 Jahren noch eindeutig zu jung dafür. Seit September 2011 lehrt und forscht er allerdings als Gastprofessor an der Uni Osnabrück am Institut für Geoinformatik und Fernerkundung (IGF).

Eines seiner Hauptaufgabengebiete bilden empirische Studien zum Umwelt-Monitoring, bei denen urbane Räume ganzheitlich in Echtzeit erfasst werden. Ein politisch hochbrisantes Thema, das darüber hinaus erhebliche methodische Herausforderung im Hinblick auf die Verlässlichkeit sowie die Datenübertragung beziehungsweise -integration in sich birgt.

"Wenn wir beispielsweise die Luftqualität mit einem stationären Sensor auf einer Seite der Straße messen, sagt das prinzipiell nichts über die Luftqualität auf der anderen Straßenseite aus, da solche Phänomene eine hohe räumliche und zeitliche Variabilität aufweisen", erklärt Bernd Resch. Aufgrund der hohen Kosten ist es aber nicht möglich, stationäre Sensoren flächendeckend einzusetzen. Eine Möglichkeit, diesem Problem entgegenzuwirken, ist, eine relativ geringe Anzahl mobiler Sensoren an Fahrrädern, Bussen und Taxis anzubringen, die zu jedem Zeitpunkt Daten über Feinstaubbelastung, Ozonwerte, Verkehrsaufkommen oder den Zustand von Straßen sammeln.

User als Datenlieferanten

Eine weitere Frage, die Bernd Resch beschäftigt, befasst sich damit, wie man Leute dazu animieren kann, eine Art Statusbericht über ihre Umwelt abzugeben. "People as Sensors" wird dieses Messmodell genannt, in dem Menschen ihre subjektiven Beobachtungen in ein Analysesystem einspeisen können. Zum Beispiel: "Die Luftqualität in meinem Stadtviertel ist momentan sehr schlecht", "Hier muss nach einem Sturm noch die Straße von umgefallenen Bäumen geräumt werden" oder "Der Verkehrslärm an meinem Wohnort ist derzeit unerträglich".

Dahinter steckt die Idee, dass der Bevölkerung ein einfaches Mittel in die Hand gegeben wird, ihre Umwelt zu bewerten und in weiterer Folge aktiv mitzugestalten. "Die persönliche Empfindung muss ein Faktor sein, den die Stadtplanung berücksichtigt. Denn die Luftqualität wird an einem Ort, wo sich rundherum primär Asphalt und Betonbauten befinden, natürlich ganz anders wahrgenommen als in einem Stadtpark, auch wenn die Messung der Parameter an beiden Plätzen die gleichen Werte aufweist", erklärt der Geoinformatiker. 

Diese Form der Partizipation ist vor allem durch die hohe Verbreitung von Smartphones möglich. "Über bereits vorkategorisierende Design-Schablonen kann eine Bewertung in 'schlecht', 'mittel' oder 'gut' vorgenommen werden, wobei die vordefinierten Klassen vor allem dazu zum Einsatz kommen, die technischen Einstiegshürden für die Benutzer zu minimieren", erläutert Resch.

Kollektive Daten

Ein weiteres Forschungsfeld des gebürtigen Salzburgers sind die sogenannten Collective-Sensing-Technologien. Dabei handelt es sich beispielsweise um die Analyse von Handy-, Flickr- oder Twitter-Daten. "Leute hinterlassen unwillkürlich digitale Fußspuren, die für Bereiche wie das Sicherheits-, Verkehrs- oder Tourismusmanagement von großer Relevanz sind", so Resch. Indem eruiert wird, wie viele Handys sich bei einem Großereignis auf einem Innenstadtplatz befinden, ist es möglich, auf die Anzahl der dort anwesenden Menschen zu schließen.

Genauso können Fragen, wie schnell der Verkehr im Vergleich zur maximal erlaubten Geschwindigkeit fließt, wo sich die am meisten frequentierten Plätze einer Stadt befinden oder wie sich die Menschen durch die Stadt bewegen, beantwortet werden. Der Geoinformatiker betont, "dass es nicht Ziel ist, einzelne Personen zu 'tracken', sondern versteckte kollektive Information zu nutzen". Dass damit unwillkürlich Assoziationen mit Observations- und Überwachungsszenarien einhergehen, kann nicht von der Hand gewiesen werden. Schließlich herrscht derzeit noch keine Klarheit darüber, wem diese Daten gehören, wer Zugriff darauf hat und wie lange sie gespeichert werden dürfen.

Schutz der Privatsphäre

Für den Schutz der Privatsphäre bieten sich laut Resch grundsätzlich drei Möglichkeiten an. Ein Weg ist, diese über "Opt-in/Opt-out" zu gewährleisten. "Bei Applikationen wie der Sensors-App sollte jeder Nutzer die Wahl haben, diese zu verwenden oder zu deaktivieren. Sobald ich das Hakerl bei der Checkbox wegklicke, werden meine Daten nicht mehr verwendet", erläutert der Wissenschaftler.

Der zweite Weg erfolgt über Aggregation und Anonymisierung. "Wenn wir mit Mobilfunkdaten arbeiten, dann kriegen wir die Informationen der Betreiber in 15-Minuten-Intervallen pro Funkmast. Das heißt, wir haben keine Angaben über Einzelgespräche, sondern es ist nur bekannt, dass in der vergangenen Viertelstunde Telefongespräche im Ausmaß von beispielsweise dreieinviertel Stunden geführt worden sind. Über Algorithmen, die wir derzeit entwickeln, kann anhand der kollektiven Informationen - also diesen dreieinviertel Stunden Telefonie - eingeschätzt werden, wie viele Leute sich auf einem Platz befinden. Damit nimmt man die Frage der Privatsphäre komplett raus", ist Resch überzeugt. 

Den dritten Ansatz sieht er darin, dass die User genau informiert werden, bevor sie die Daten teilen. Dass hier eine Schieflage in der angemessenen Sensibilität entstanden ist, zeigt sich für ihn darin, "dass einerseits die intimsten Details auf Facebook gepostet werden und andererseits große Vorbehalte existieren, seine Kreditkartennummer bei Amazon anzugeben. Es gilt deshalb, die Menschen bezüglich der Möglichkeiten von mobilen und Web-Technologien zu sensibilisieren sowie einheitliche und transparente rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen."

Appell an die Politik

Letztendlich müsse aber die Politik in die Pflicht genommen werden, deren Aufgabe es wäre, eine unabhängige Instanz für diese Daten zu schaffen. "Wenn Politiker als Interessenvertreter der Gesellschaft fungieren, dann sollten sie sich dieser Aufgabe auch annehmen", so die Forderung von Bernd Resch. Allerdings fügt er einschränkend hinzu, "dass sich eine global gültige Regelung durch die stark divergierenden Konzepte von 'Privatsphäre' in den verschiedenen Ländern kurzfristig wohl kaum realisieren lassen wird".

Eintauchen in die internationale Wissenschaftskultur

Die bisherige Karriere des Geoinformatikers erweckt den Eindruck einer idealen Verknüpfung einzelner Bausteine. Nach dem humanistischen Gymnasium in Tamsweg entschied er sich für das Studium "Informationstechnik und Systemmanagement" an der FH Salzburg. Nach einem dreisemestrigen Forschungsaufenthalt an der schwedischen Partneruni in Halmstad, an der Resch das "Masterprogram for Computer Systems Engineering" absolvierte, war er für rund sechs Jahre an den Research Centres Austria beschäftigt.

Dort wurde ihm die Möglichkeit zu einem bezahlten Dissertationsprojekt angeboten, worauf er am Zentrum für Geoinformatik der Universität Salzburg den Doktortitel erlangte. Während dieser Zeit wurde er von seinem Doktorvater gefragt, ob er am MIT in Boston mitarbeiten will. "Ich habe zuerst geglaubt, das wäre 'Versteckte Kamera', aber ich konnte dort tatsächlich für insgesamt eineinhalb Jahre am SENSEable City Lab forschen", erzählt der Geoinformatiker. Für ihn bedeutet diese Erfahrung eine extreme Horizonterweiterung: "Die Zeit dort hat mir ganz andere Denkparadigmen sowie alternative Ansätze in der Forschung aufgezeigt - auch was die Vermarktung von Forschungsergebnissen betrifft. Ich muss zugeben, dass damit schon ein großer Multiplikatoreneffekt für mich und meine Karriere verbunden war." (Günther Brandstetter, derStandard.at, 6.4.2012)

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